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Donnerstag, 9. Februar 2012

André Green ist tot

André Green, französicher Psychoanalytiker, *12. März 1927 in Kairo, starb am 22. Januar 2012 in Paris. (48° 51′ N, 2° 21′ O)




Die Angst, die magersüchtige Frauen in Augenblicken äußern, in denen sie von einer Art Verschwinden fasziniert werden, reproduziert den Schreck von damals, als sie dachten, die Mutter würde sie in ihrer Leere mit sich fortziehen. Dieser Schreck ist nach Bion ein "namenloser Schreck" oder nach André Green eine Identifizierung mit der "toten Mutter" und das Streben nach der Einheit mit ihr in einer gegenseitigen Erfüllung nicht der Lebenstriebe, sondern des Nirvanaprinzips , "jede Erregung auf Null zurückzuführen." Für magersüchtige Frauen wird der Tod vollkommen mit der Mutter identifiziert. Sie ist die Todbringende. "Ich trage meine Mutter in mir", denken sie unbewußt. "Sie verläßt mich nicht, und kein anderer kann ihren Platz einnehmen, meine Scheide ist tot."
Alle Öffnungen sind Einbrüchen ausgeliefert und müssen daher geschlossen bleiben. Die Anorexie wird zum Zeichen eines unaufhörlichen Kampfes gegen eine Einkerkerung und einen todbringenden Übergriff in einer Dialektik zwischen Eindringen und Deprivation. Bei magersüchtigen Frauen, die an Vaginismus leiden, finden wir immer wieder die unbewußte Phantasie der aufdringlichen, vergewaltigenden Mutter. Dennoch weist Vaginismus meist auf vorzeitige sexuelle Verführungserlebnisse hin, bei denen die Initiative von anderen ausging (allgemein von einem inzestuösen Erwachsenen), von einfachen verbalen Annäherungen oder Gesten bis zu einem mehr oder weniger ausgeprägten sexuellen Attentat, die vom Subjekt passiv und mit Schrecken erlitten wurden. Und wo war derweil die Mutter?
Durch das Erbrechen meint das magersüchtige Subjekt, es würde über eine imaginäre Allmächtigkeit, über eine verborgene Waffe verfügen, die die Verweigerung und die Aufhebung des "Ja" durch das "Nein" ermöglicht. Es kämpft um die Illusion, daß der "Sexualschreck", diese schmutzige "Bestie", von dem es besessen ist, weggespült werden kann. Die Magersucht und die Eß-Brechsucht ist eine Reise, von der das Subjekt nicht zurückkehrt und die keine Spuren hinterläßt.


aus:

Patricia Bourcillier: Magersucht & Androgynie, Paris, 2011 (?). Merci!

NPD im Regen, Wahlkampf am Greifswalder Flutgraben (Schönwalde II)


Leserbrief vom 01.08.2011 01:20
Zum NPD-Wahlkampf u. a. am 30. Juli in Greifswald

Die NPD bringt ja Arbeitsmarktthesen, die so auch von der Danske Folkeparti vertreten werden, und ihnen sicherlich einge Stimmen einbringen dürften – hoffentlich nicht genug. Aber sie bringen die Ängste einer in MV gar nicht so kleinen Gruppe realistisch auf den Punkt, auch wenn die Lösungsvorschläge allenfalls für eine Bundesrepublik der 80ziger Jahre realistisch wären. Aber eigentlich sollte man sie diese Thesen vortragen lassen.

Wäre da nicht die ungeheure Verleugnung der Shoa. Ich schreibe Verleugnung, nicht Leugnung, weil man Pastörs und Anhang sicherlich eine Anerkennung des Holocaust abringen könnte. Aber sie verleugnen die Shoa, und träumen den Traum von einem Deutschland vor dem Ende der Wannseekonferenz. Aber Pastörs zu ermöglichen, von der „Judenrepublik“ zu reden – nachzuhören auf panorama.de – wo doch so viele getötet wurden, daß man auf jede jüdische Persönlichkeit, so wenige wie es sind, mit einem kleinen Aufatmen reagiert, dem Aufatmen, daß einige überlebt haben, nicht alle verbrannt (worden) sind, geht es nicht zu weit? Bemerkenswert, daß die Lieblingssprache dieses Mannes offenbar das Jiddische ist, „mishpoke“ nennt er die Unterstützer jenes Greifswalder Stadtrates, der ihm den gewünschten
Demonstrationsweg verbauen möchte. Verleugnung ist in der Psychanalyse der Abwehrmodus der Perversion – etwas ganz und gar genießen, ohne im mindesten als Subjekt dafür einzustehen. Sehr viele, aber nicht alle sind verbrannt, aber die Brücke des Jiddischen zwischen den Ostsprachen und der Reichssprache ist wohl endgültig zerbrochen. Ich zitiere meinen Eltern gegenüber ein jiddisches Lied (von Mordechai Gebirtig in der Version von Iva Bittova), sei erschrecken und werden blass ob der fremden, fernen Nähe und Verständlichkeit.

Dienstag, 20. September 2011

Malíři v Paříži

While reading how Rilkes Danish man in Paris, Malte, commented on women in dresses with a long bottom line on the back, always some upper lot of them unbuttoned since dressing up alone had not been on the plan of those who designed nor – possibly –these women wearing them, I am looking forward to Iva Bittova performing with David Zambrano. I'm caught surprised hearing from Iva after the performance that she did not even meet David before that night, where they danced and played an intimate lost and found of devoted lovers, intimate despite the solititude David sometimes had incorporated in what I then learned were improvisations. Only when, after Iva was singing for a long while, David had intoned a few tunes, the couple get in touch in a more conventional way. How peculiarly sound and even more voice is about command and relation! Without feeling too well, I have to go to H.C. Andersens Odense the day after tomorrow, hoping that this time hysteria, that seems rampant around the network project, will be the successful or at least acknowledgeable one. Perhaps there is not much hope these days as the Danish condition is somewhat shallow and of short-living hope. That was my impression in that election night last Thursday when I saw a tremendous number of party people in high spirits despite of considerable losses in votes.


Dienstag, 23. August 2011

Die ersten Sätze.

Die ersten Sätze

für U.


The sea is high again today, with a thrilling flush of wind. Lawrence Durrell, Justine

Lange Wellen treiben schräg gegen den Strand, wölben Buckel mit Muskelsträngen, heben zitternde Kämme, die im grünsten Stand kippen. Uwe Johnson, Jahrestage

Geboren und aufgewachsen bin ich in einer kleinen, niedrigen Erdgeschoßwohnung von etwa dreißig Quadratmetern. Amos Oz, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist. Jonathan Littell, Die Wohlgesinnten

Wenn ich den Sommer besuchen will, habe ich es nicht weit. Joachim Gauck, Winter im Sommer – Frühling im Herbst

Indgangen fra Vesterbrogade til Westend var en smal port mellem en elegant møbelforretning og en lille snusket aviskiosk. Kirsten Thorup, Himmel og Helvede

Am Anfang stand für mich der Mythos, Hirschfelder, die Schriftsteller-Ikone, der große Einsame, der Monolith, wie es hieß, der seit dem Krieg in England ausharrte und an seinem Meisterwerk schrieb. Norbert Gstrein, Die englischen Jahre

So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Laurids Madsen havde været i Himlen, men kom ned igen takket være sine støvler. Carsten Jensen, Vi, De Druknede.

Es war ein Sommer und den ganzen Sommer lang Tage, an denen ich mich ärgerte, zu spät aus dem Bett gekommen zu sein, zu spät heraus aus dem Haus, so spät, daß es mich kaum erfrischte, aber weshalb auch, der Morgen verjagte meine Müdigkeit jeden Tag, wenn es noch nicht zu spät war, nicht so spät, daß ich schon ermüdete, wenn es schon wieder auf Mittag zuging, und wenn es mir zu langsam meinen Weg hinunterging. Wolfgang Hilbig, Aufbrüche

Det er noget arketypisk ved en telefon, der ringer sent om natten. Mark Ørsten, Venner og fjender

Die Stadt ist von zwei Menschenkategorien bevölkert, von Geschäftemachern und ihren Opfern, dem Lernenden und Studierenden, nur auf die schmerzhafte, einen jeden Lärm störende, mit der Zeit verstörende und zerstörende, sehr oft nur auf die heimtückisch-tödliche Weise bewohnbar. Thomas Bernard, Die Ursache, eine Andeutung

The southbound train from Paris was the one we had always taken from time immemorial – the same long slowcoach of a train, stringing out its bluish lights across the twilight landscapes like some super-glow worm. Lawrence Durrell, Monsieur or The Prince of Darkness

Schnee ist das erste, woran ich mich erinnere. Peter Wawerzinek, Rabenliebe

Landscape tones: brown to bronze, steep skyline, low cloud, pearl ground with shadowed oyster and violet reflections. Lawrence Durrell, Balthazar

Als ich zur Tür ging, drehte sich alles in mir. Brigitte Reimann, Die Geschwister

Jeg har altid været bange for morfar og ikke andet end bange. Knud Romer, Den Som Blinker Er Bange For Døden


The branches were strewn above them like distorted mosaics of crucifixions, the hawthorn bushes blocking out the few isolated stars to ensnare them within a crooked universe of twigs and briars. Dermot Bolger, The Journey Home.

Neunzehnhundertsiebenundsechzig legte mir auf der Baumgärtnerhöhe eine der im dortigen Pavillon Hermann unermüdlich tätigen geistlichen Schwestern meine gerade erschienene Verstörung, die ich ein Jahr vorher in Brüssel in der rue de la croix 60 geschrieben habe, auf das Bett, aber ich hatte nicht die Kraft, das Buch in die Hand zu nehmen, weil ich ein paar Minuten vorher erst aus einer mehrstündigen Narkose aufgewacht war, in die mich jene Ärzte versetzt hatten, die mir den Hals aufschnitten, um aus meinem Brustkorb einen faustgroßen Tumor herausoperieren zu können. Thomas Bernard, Wittgensteins Neffe.

Schon ehe der Mann mit der Kapitänsmütze aufgetaucht war, hatte sich eine vorahnende Beunruhigung an dem Knaben Etzel gezeigt. Jakob Wassermann, Der Fall Maurizius.


In meiner frühesten Kindheitserinnerung sehe ich mich unter einem runden Tisch mit einem Blechclown spielen, der auf einem Karren sitzt und beim Fahren auf einen Esel einschlägt. Valentin Senger, Kaiserhofstraße 12.


Der Sommer hatte spät begonnen. Iris Hanika, Treffen sich zwei.

Zwei Tage lang hatte er wie tot auf seinem Büffelledersofa gelegen. Eugen Ruge, In Zeiten des abnehmenden Lichts.


'My gentle one,' Mr. Karl Kopfrkingl said to his beautiful, blackhaired wife on the threshold of the Predator's House, as a faint early spring breeze stirred his hair, 'so here we are again.   Ladislav Fuks, The Cremator.


Nami schwitzt.  Bianca Bellová, Am See. 

Togets cylinder bøjer og vrider sig langsomt og i ryk der tilter de sovende passagerers hoveder fra side til side, samt flammen i kupéens paraffinlampe, den presser sig ind i mørket, trækker to slør efter sig, én af damp og én af kulos, jernet hamrer og banker, ujævnt og snubblende, stigende og faldende i klang, og Kaj, der ikke sover, vækker sin bror Ib, fordi han har brug for at snakke, og siger: Hør, Ib.   Kim Leine, Afgrunden.

In diesen Roman geriet ich aus Versehen oder vielmehr durch eine Bequemlichkeit.   Christoph Hein, Trutz.

Das Haus, das ich suchte, sah ganz nett aus, vor der Haustür stand eine Gaslaterne, der Gehsteig, früher mit Pflastersteinen belegt, war offenbar schon vor längerem aufgerissen und jetzt erst wieder zugeschüttet worden.   Bohumil Hrabal, Hochzeiten im Hause.

Sie besucht mich oft, meist kommt sie in der Nacht. Peter Stamm, Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. 

Adolf Hitler hat mir das Leben gerettet. Jaroslav Rudiš, Nationalstrasse.

I fist met Dean not long after my wife and I split up. Jack Kerouac, On The Road.

Donnerstag, 4. August 2011

Ich lerne sehen...

Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wußte. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht. Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, S. 9.



Mittwoch, 3. August 2011

2. August

 
F.A.Z. vom 30. Juli

Gedenktag für Völkermord an Roma – Polen hat einen nationalen Gedenktag für die Opfer des deutschen Völkermordes an den Roma und Sinti eingeführt. Dieser findet ab sofort am 2. August statt. Das beschloss das polnische Parlament am Freitag mit 419 gegen eine Stimme. Am 2. August 1944 hatten die Nationalsozialisten im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau das sogenannte „Zigeunerlager“ aufgelöst und in der folgenden Nacht die letzten rund 3000 Häftlinge in Gaskammern ermordet. Der Leiter des Menschenrechtsbüros der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Janez Lenarcic, rief die anderen Mitgliedsstaaten auf, dem „polnischen Vorbild“ zu folgen und ebenfalls einen solchen Gedenktag einzuführen. Insgesamt starben in Auschwitz-Birkenau mehr als 20 000 Roma und Sinti. Bereits seit 18 Jahren wird in der dortigen Gedenkstätte am 2. August der Opfer gedacht. (KNA)

Montag, 1. August 2011

NPD-Wahlkampf am 30. Juli 2011 in Greifswald

Die NPD bringt ja Arbeitsmarktthesen, die so auch von der Danske Folkeparti vertreten werden, und ihnen sicherlich einige Stimmen einbringen dürften – hoffentlich nicht genug. Aber sie bringen die Ängste einer in MV gar nicht so kleinen Gruppe realistisch auf den Punkt, auch wenn die Lösungsvorschläge allenfalls für eine Bundesrepublik der 80ziger Jahre realistisch wären. Aber eigentlich sollte man sie diese Thesen vortragen lassen. Wäre da nicht die ungeheure Verleugnung der Shoa. Ich schreibe Verleugnung, nicht Leugnung, weil man Pastörs und Anhang sicherlich eine Anerkennung des Holocaust abringen könnte. Aber sie verleugnen die Shoa, und träumen den Traum von einem Deutschland vor dem Ende der Wannseekonferenz. Aber Pastörs zu ermöglichen, von der „Judenrepublik“ zu reden – nachzuhören auf panorama.de – wo doch so viele getötet wurden, daß man auf jede jüdische Persönlichkeit, so wenige wie es sind, mit einem kleinen Aufatmen reagiert, dem Aufatmen, daß einige überlebt haben, nicht alle verbrannt (worden) sind, geht es nicht zu weit? Bemerkenswert, daß die Lieblingssprache dieses Mannes offenbar das Jiddische ist, „mishpoke“ nennt er die Unterstützer jenes Greifswalder Stadtrates, der ihm den gewünschten Demonstrationsweg verbauen möchte. Verleugnung ist in der Psychanalyse der Abwehrmodus der Perversion – etwas ganz und gar genießen, ohne im mindesten als Subjekt dafür einzustehen. Sehr viele, aber nicht alle sind verbrannt, aber die Brücke des Jiddischen zwischen den Ostsprachen und der Reichssprache ist wohl endgültig zerbrochen. Ich zitiere meinen Eltern gegenüber ein jiddisches Lied (von Mordechai Gebirtig in der Version von Iva Bittova), sie erschrecken und werden blass ob der fremden, fernen Nähe und Verständlichkeit. 

Ach so - die beiden Gegendemonstranten auf dem Foto sind Steven und Sophie, wir teilten uns eine Weile danach einen Regenschirm und sprachen ein wenig - danke für den Nachmittag!

Donnerstag, 21. Juli 2011

Nordsydbanen 1936


Die Oberfläche, schrieb ich gestern angesichts des Wasserspiegels des dunklen Sees, die zu durchdringen um die Liebe zu erkennen uns Kierkegaard vergeblich mühen sieht, die uns aber nur unser eigenes Spiegelbild zurückwerfe, diese Oberfläche – so schrieb nun C., die ich in Svanemøllen sah, über Rodin – ist nun gleichzeitig das Nächste, was wir haben können und fürchten … müssen.

Wolfgang Hilbig zieht sich durch diesen Tag, in der letzten Stunde mit V.H., jener Analytikerin, die zu verlassen eines meiner Freiheitsprojekte ist, ein Vorhaben, dem ich verdanke, mit einer ganz frühen Ambivalenz in Kontakt zu bleiben, in der letzten Stunde vor einer lediglich vierwöchigen Trennung schweigen wir plötzlich, und eine Weile kommt es mir vor wie ein Abschied für immer. Erst spät fällt mir ein, daß wir einander nicht verlassen haben, und ich lächele – worauf sie nachfragt, und ich ihr nicht sage, was meine Gewissheit war in diesem Moment, sondern von Hilbig sprach, der früh beschrieb, was ihn zu Tode bringen werde, und sein verbleibendes Leben brauchte, ins Werk zu setzen, ohne zu berühren, was männliche Zerstörung, vielleicht einmal Gegengewalt, auch anrichten kann im Körper selbigen Mannes. Es reicht, dazu Natascha Wodins Buch zu lesen, das weiblicher Langmut ein hohes Zeugnis ausstellt, und ihr hoffentlich genug Kraft zum Leben übrig ließ. Noch immer möchte ich dazu mit Mai Wegener sprechen, deren Hilbig-Vortrag mich berührt wie sprachlos gemacht hatte.

Die Städte, in denen ich mich arbeits- und aufnahmefähig fühle – daß ich eine Großstadt sogar lieben könnte, habe ich bisher nur einmal in Kopenhagen geglaubt – reihen sich wieder auf eine Nord-Süd-Linie ein – København/Berlin/Praha/Brno/Wien/Lubljana.Triest/Nicosia/Tel-Aviv/Jerusalem – fast fehlt mir der Mut, auch noch Sanaa hinzuzufügen, denn dort war ich nur eine einzige Woche. Ausgerechnet Carsten Mews hat das schon einmal so gesagt. Währenddessen stagnieren die Ost-West-Verbindungen wiederholt: Geld für Alexander Solopovs Flugticket aus Moskau liegt bereit, kann aber nicht zugestellt werden. Ich fliege ins Frankfurter Ostend viele Male, ohne die mindeste Spur zu hinterlassen. Meine lieben Kollegen in Quedlinburg und Kassel sind krank gewordem, Göttingen ohne Nachricht, Angst vor Bonn und der andere Rheinseite überhaupt, Schwächeanfälle in diesem notorischen Frankfurt-Sprinter der DB.

Am Abend gehe ich noch in die A-Strasse, Antiquariat, auf der Suche nach Rainer Maria Rilkes Rodin-Buch. Bekomme statt dessen ein anderes, von Rodin selbst, das von Kathedralen handelt, aber ausgiebig mit einer Beschreibung der französischen Landschaft beginnt. Dort treffe ich Martin, den ich erst gar nicht erkenne, dann aber mit Handschlag von ganz oben auf der Regalleiter begrüße. Martin hatte mir, in einer zufälligen Begegnung im Supermarkt, von Hilbigs Beerdigung am selben Tag erzählt. Die beiden Jerofejews, die dann noch beredet werden, bleiben, obwohl ich vor Wiedererkennung seufzen muß, Schirm genug, mich mit meinen Einkäufen wortkarg zurück zu ziehen.

Die Berliner Schizoidität scheint mir an einem Tag im übervollen ICE nach Ffm am Samstagmorgen auf dem Weg zu Claudia vollständig klar, als ich des Busfahrertypes, der als Zugchef hier das Sagen hat, ansichtig werde: nicht, daß ich bemängeln will, daß er uns allen ein „good travelling“ wünscht, als er seinen Lautsprecher erreicht hat, aber dann, als er die Zugdestination benennt, spricht er „Baaaasel“ so aus, als sei das irgendwie nicht ernst, unser aller Reisen, etwa als würde zumindest er nicht nach Baaasel via Ffm fahren, als dürften nur wir fahren und er will hier mit seiner Spielzeugeisenbahn noch einmal Spielverderber sein. Als wären wir nicht im Zug, der diagonal einen bedeutenden Teil Deutschlands zu durchqueren sich anschickt, sondern eher, als befänden wir uns noch im Hochbunker Gesundbrunnen, in einer Bombennacht, die schon im Dutzend gezählt wurden 1943. Im Schein der spärlichen Beleuchtung, Schweißgeruch, Ellenbogen, Disziplin, quengelnde Kinder, ein hilflos heiterer Luftschutzwart, sehe ich die Mutter von Detlev Klingenberg dort sitzen, die Detlev, ihrem Sohn, einmal erzählt hatte, wie sie das KZ-Außenlager in der Senefelderstr. im Prenzlauer Berg wiederholt beobachtet hatte, und zu dem Schluß gekommen war: die, die dort sind, und morgens und abends hinaus- und hineingetrieben wurden, die wollen sie nicht leben lassen.

Mittwoch, 20. Juli 2011

At mangler en overflade Sandhedskjerligheden skal have for at holdes fast...

 
Og dog staar det fast, at Kjerligheden skal kjendes paa Frugterne. Men hine Textens hellige Ord er jo heller ej sagte for at opmuntre os til at faa travlt med at dømme hinanden; de er tværtimod sagt formanende til den Enkelte, til Dig, m.T., og til mig, for at opmuntre ham, at han ikke lader sin Kjerlighed bliver ufrugtbart, men arbejder, at den maa kunne kjendes paa Frugterne, hvad enten disse nu af Andre blive kjendte eller ikke.

(Kierkegaard, Kjerlighedens Gjerninger)


På den plads hvor kun navnet minder om de grønne som må have været der en hele periode tilbage, har J., hendes mænd, og mig, sættet os med en tilbageblivet, nu næsten energiløs hastighed fra den sidste nat, som må have materialiseret, nu i vores stilhed berøvet af andre linier,i J.´s glemt pung, som var en gentagelse af den samme pung hun mente at have tabt sidste gang vi mødte i min hjemmeby.
Den chance at bringer lidt af den store masse af Danske kontant frem jeg hævede dagen før uden mål, for at betale den allerede bestilte morgenmad og æblejuice med soda, lettede mig af min kropslig limbo - endnu en lille frem-og-tilbage indtil der skulle snakkes, alle veje nu gået. Også J. var snart tilbage med selve pungen og vi tilladt hende at betale lidt reparationer for forsinket spisning med mad fra hendes rig anretning. Så snakkede vi om nogle ansvarsting i vores liv, uden at den skrigende forskel i fornemmelsen af tomheden, som blev en skygge af sidstenats uhyre flugtenergi, kunne forstås anderledes at den må separere os her og nu for at hold noget i det tilbage for hver os tre. Jeg forsøgte, bagvendt, at finder en sammenhæng mellem hvad Kierkegaard nævnte den sorte overflade, som ligger over kærlighedens - og dermed savnets – dybe grund: er en tomhed som kan hverken deles når flygtes måske vores tids overflade, som er slet ikke en overflade mere, men en phænomen uden sted som kan kun markeres med at brude af eller gå fra hinanden? Mens each penny numbs the pain, er der en analogon i forhold til hinanden, hvis man nu veksler ord? I den Dansk konversation jeg finder mig i den her weekend bevæger jeg mig med så længe der tales – også i pauserne mellem ord, inden sætninger overhoved bliver afsluttet, blev jeg mød af en tomrum, for dens overvindning jeg følte mig utilstrækkeligt trøstet af den selve Danske sprog. Er det fordi ordene tilsneer som de breve i den digt af Søren Ulrik Thomsen i den Danske sprog, kun i forbindelse gennem en avanceret samling af åndelyd, og ikke en melodi (Svensk), et løfte (Tysk),en miskendelse (Fransk) eller en forudsæt common sense (Engelsk)? Det bliv efter vi endeligt og smerteligt separeres selve Assistens Kirkegård hvor jeg samlede mig ind fra nogle af de tomrumtrusler jeg næsten forsvand i den her gang.

Sonntag, 19. Juni 2011

Near Misses in Cardial Surgery......

...liest eine Frau im Speisewagen des Zuges nach Budapest, die geradewegs
einem Roman von Kundera entsprungen sein könnte, Sonnenbrille, eine Bräune
aus einer Tube mit einer französischer Marke darauf, Blicke fangend. Christian,
den ich kurz nach meiner Abfahrt in Berlin kennengelernt habe - zunächst
widerwillig, da ich eigentlich noch schlafen wollte, dann aber immer interessierter an seiner ungarisch-deutschen Lebensgeschichte - zunächst eine Kleinstadt bei Debrecen, dann Halle/ Saale, dann Kleinstadt oder Dorf bei Perleberg. Sein Großvater war für eine (Kadar-kritischen?) politischen Witz, der eigentlich harmlos gewesen sein soll - Christian kann ihn nicht wiedergeben - zu 2 1/2 Jahren verurteilt worden, wovon er 1 1/2 abgesessen habe. Auf meine Nachfrage nach einer Rehabilitierung antwortet er, ja, er hätte in den 90ern einmal gut 8000 Euro bekommen. Aber die Kassation müsse doch auch darüber hinaus etwas bedeutet haben, insistiere ich, er, der Mann Mitte 30 - bestätigt es zögernd. Die in Dresden dazu gekommene Leipzigerin, die für ihr Alter sehr viel von ihren in der Tat wunderschönen Beinen zeigt, hakt hier ein: damals sei es der Apparat gewesen, und heute seien es die grosskapitalistischen Firmen, in denen man seiner Existenz beraubt werde. Hier protestiere ich laut - das sei doch nicht zu vergleichen, werde man heute bei Siemens herausgemobbt, könne man bei einer anderen Firma einen Einstieg versuchen - kein Vergleich zur Haft in Ungarn und der darauffolgenden Unzugänglichkeit von Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten.
Die Dame aus der Deutschen Bücherei reagiert mit einem Zugeständnis.
Eigentlich hält mich die abwechselnd zu dritt und zu zweit geführte Unterhaltung vom erneuten Lesen von Wolfgang Martin Roths Kommentar zur Nazareth-Platres-Konferenz ab, der er den Titel gegeben hatte "Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch" - in English allerdings "The womb it crawled from is still going strong". Mehr und mehr bin ich über Kreuz mit der sich damit für mich verbindenden Phantasie - vielleicht ist es mir deshalb ganz recht, daß ich bis Breclav mit Beschlag belegt bin. Ehe ich noch zur Abteiltür - diesmal endgültig - hinaus bin, haben sich die mutmaßlich altgediente Femme fatale und Christian separiert, ich sehe Christian im Speisewagen ein vor Ort (!) geklopftes, paniertes und gebratenes Schnitzel verzehren. Später, auf dem Itzak-Rabin-Platz im Wiener 2. Bezirk, bestelle ich mir, weil der Anblick einen Rest von Hunger hinterlassen hatte, ein Zigeunerschnitzel, das ich mit Blick auf zwei fußballspielende Kinder restlos aufesse.
Aber W.M.R. mit Brechts Bild vom Schoß - was will uns das nahelegen - doch wohl nicht, daß bereits bei Geburt bereits kleine, hilflose, nationalsozialistische Babies geboren werden? Auch kriechen die Neugeborenen (noch) nicht, daher auch das Passiv bei den Verben - geboren werden, allein die Gebärende wird mit aktiven Verben benannt - gebären, zur Welt bringen, to deliver. Eine monströse Weiblichkeitsfigur, nur wenig abgeschwächt durch den sächlichen Genus "aus dem das kroch". Das erinnert an Freuds Kommentar zum Medusenhaupt, wo die Vielheit der Schlangen auch das Schreckenerregende zu mildern imstande ist.
Trägt also jede Athene, jede schöne Frau, ein Medusenhaupt im Gewand, wie die Mythologie nahelegen könnte? Und was könnte das für uns Freudianer bedeuten?
Freud verweist auf die Beziehung dieser Figur zur Kastration, man könnte
beinahe sagen, er reinterpretiert den Mythos als eine imaginäre Bildung des
Mannes angesichts seiner eigenen Kastration.
Wenn Freud schrieb, „Der Anblick des Medusenhauptes macht starr vor Schreck,
verwandelt den Beschauer in Stein. Diesselbe Abkunft aus dem Kastrationskomplex, derselbe Affektwandel! Denn das Starrwerden bedeutet die
Erektion, also in der ursprünglichen Situation den Trost des Beschauers. Er hat
noch einen Penis, versichert sich desselben durch sein Starrwerden.“ (GW XVII, S.47), müssen wir nicht an unser eigenes Erstarren angesichts des für einen
Moment maßlos erscheinenden Aggressionsausbruches, das WMR und ich
gemeinsam in einer Gruppe erlebten, denken, unser eigenes, nicht (ganz) von
Scham bedeckbares Unvermögen?
Diana Rosdolsky trägt in der Berggasse als dritte und zur Moral und Unmöglichkeit einer generellen Moralität vor, edle und grausame Dimensionen
seien einer unbedingten Relativität unterworfen. Briefe von Mitgliedern der
Einsatzkommandos sprächen von Taten, die "unsere Generation zu begehen nun einmal bestimmt sei". Edle Motive, in denen routinierte Grausamkeiten einen selbstverständlichen Platz einnehmen. Jonathan Littell hat versucht, die
Individualität eines von der griechische Antike zum Nationalsozialismus
Verführten angesichts der Wahrnehmung des Ausmaßes der Grausamkeit in einer (klugen und dabei doch eben auch "kitschigen") Romankonstruktion zu erfassen, man könnte formulieren, gegen die kollektive Massenhysterie ist das Subjekt beinahe alternativlos darauf verwiesen, eigene menschliche Regungen angesichts der Tötungen radikal zu individualisieren. "Du hast Fehler gemacht, jetzt bist du der Fehler", verdichtet Heiner Müller die Reaktion der im Führerkult aufgehobenen - wie vielleicht auch erstarrten - Masse. Der Rest - zumindest bei Littell, ist Psychosomatik und Masochismus.

Freitag, 10. Juni 2011

Schlanker schwarzer Stoffbeutel mit O-C-A darauf – das Introjekt in Gestalt einer Semblage




„Was sich an reziproker Identifizierung des Subjektes mit dem Objekt des oralen Begehrens abzeichnet, läuft, …, auf eine konstitutive Zerstückelung hinaus.“ (J. Lacan, Sem. VIII, 1961, S. 269)


Die jungen Frauen, die bei mir in der Gegend die Modeläden frequentieren, und dazwischen an einer belebten Ecke mit U-Bahn-Treppe Kaffee trinken, geben sich Mühe, dabei unglaublich entspannt auszusehen, sie sind es offenbar nicht, denn kurz nachdem sie sich ausstrecken, räkeln, Schaum schlürfen, werden die Zigaretten wieder ausgedrückt und wenn nicht ein eigener Impuls sie aufspringen läßt, drängt die Freundin sie in die nächste der Boutiquen, wo sie mutmaßliche mehrere Bedarfssätze des Alg2 in etwas – allerdings auch schön geschneiderten – Chiffon investieren. Kann es sein, daß dieses Bemühen auch einen Hauch von Unsicherheit bedecken soll? Ich traue den meisten von ihnen durchaus zu selbst entsprechende Monatsgehälter nach Haus zu bringen, das ist es nicht, aber man könnte ja auch etwas sparen, auf ein Haus, das später zu kaufen viele harte Arbeitsmonate oder auch ein nachhaltiges Bestehen vieler Rosenkriege erfordern wird. Laufen sie in Eile ihrem Leichtsinn hinterher, sich so auf die Kontinuität des so flüchtigen Begehrens verlassend – in ihrer Arbeitskraft, ihrer beauté, ihrer Entschlossenheit? Und wie ist es mit dem eigenen Begehren? Wenn sich unsere Blicke treffen, schlagen viele die Augen nieder. Ich überlege, ob es etwas mit meine Klamotten zu tun hat, ich trage, was ich sonst nur zu Hause anhabe, aber nun, weil ich gerade Urlaub habe, einmal auszuführen wage. Nur im Urlaub verlässt mich anscheinend das Gefühl, ich könnte jederzeit auf der Straße Analysanten oder Kollegen treffen, denen ich mich nicht so casual zeigen möchte. Könnte die Scham, die sich in dem Ausweichen ja zeigen mag, etwas damit zu tun haben, daß sie sich für eine kurzen Moment erschüttert sehen in dem Verfolgen einer lückenlosen Begehrenskette, nächstes, noch schöneres Kleid, schöner Schuh, die dennoch ja komplett an die Existenz einer übernächsten Ware gebunden ist: Den überteuren Kauf von Kleid X kann frau nur im Schutz der bereits latenten Hoffnung auf Kleid xy halbwegs angstfrei bewältigen – da es ja um die Verdeckung des Begehrens durch ein serielles Warenaneignen geht. Die pathetisch hohen Preise, die natürlich nicht bei den Näherinnen dieser Kleider etc. ankommen, wären so auch eine Art invertiertes Schmerzensgeld für die Anstrengung, die Kette nicht abreißen zu lassen (weshalb sie es ja auch nicht mal im Café aushalten, wo auch ein wenig pathetische, aber doch irgendwie noch reale Preise gelten). Und von Erschöpfung zumindest kann die Rede sein, ähnlich wie Anne Retzlaff von sissimetal andeutet: „ich will so viel/ I'm so unreal/ automatic“. Während es in dem Song bei dieser Textzeile bleibt, tanzt Frau Retzlaff zu dieser Musik eine Art erwartungsvoller Trance, die für die Verlorenheit in der erschöpfenden, aber nicht befriedigenden Kette steht, und gibt sich den Blicken preis, die ein erlösendes wie gefürchtetes (Männer denken früher an „reale“ Häuser) männliches Begehren tragen könnten. Allein, solange nicht innegehalten wird, kann sie es nicht sehen.Der Semblagecharakter der Modeobjekte könnte nun so zu verstehen sein, daß sie zwar als Wunschobjekte behandelt, anprobiert und teuer bezahlt werden, sie aber nur als semblant, als „nur beinahe“ Wunschobjekte gesehen werden, von denen das Begehren im Moment der Aneignung verschwindet und auf ein nächstes, noch perfekteres Teil verschoben wird. Meiner Meinung nach widerlegt der naheliegende Einwand, die Frauen kauften doch die schönen Kleider, um sich in lieber Gesellschaft schön zu zeigen, sich an dem Wahrgenommenwerden in dress zu erfreuen etc. meine These nicht – wäre es so, nähmen sie ihre Männer mit, deren ästhetisches Urteil und deren pekuniäre Vorsicht hier ja wertvoll wären, ginge es nicht um einen Exzess, der schamhaft bedeckt wie unbedingt in Bewegung gehalten werden muß. Eine Frau mit einem Stoffbeutel, auf dem in Großbuchstaben „O-C-A“ steht, fällt mir durch ihre Gelassenheit auf. Eigentlich der Überzeugung, hier eine weitere á-la-mode gesehen zu haben, läßt mich ihre Trägheit kurz zweifeln, und so googele ich im Fortgehen die Buchstabenfolge, erfahre, daß sie entweder für eine norwegische Künstlerorganisation oder einen europäischen Sekretariatsservice stehen. Etwas Reales in jedem Fall, denke ich, und bin froh, daß mich mein Gefühl nicht getäuscht hatte und ich der Trägen nicht länger Unrecht tue. Als Gruß für die á-la-mode denke ich mir, sage ich beim nächsten Mal „Kalimera!“, das heißt, so las ich bei Lacan (auch im Sem. VIII), „Schönes Begehren!“.

Dienstag, 7. Juni 2011

Niedecken, auch schon lang her

Anlässlich der Niedecken-Lesung heute in einem städtischen Kino versuche ich mein Verhältnis zu der in meinen späten Schuljahren so ermutigenden Band etwas auf den Begriff zu bringen, glücklicherweise fällt mir manches unterwegs wieder ein.




Wie das war mit Niedecken und BAP ist einigermaßen verwischt in der Erinnerung, aber gerade fällt mir ein, daß ich es doch Volker zu verdanken habe, mich auf diesen Slang und diese Gefühle eingelassen zu haben, der, als wir gemeinsam auf der Schule, dieser Friedrich-Ludwig-Jahn-EOS diese wichtigen zwei Schritte schon lange vor mir gegangen war: sich auf das sperrige Kölsche einzuhören in einer Gegend wo die klare, wenn auch karge Sprache der Standard war, und sich auf den Pathos einzulassen, den ich heute mit der Dylan-Identifizierung von diesem Wolfgang Niedecken verbinde und wohl schon immer mit der Gitarre vom Major verbunden hatte. Diese Soli, die eine irgendwie in die Zwischenräume gesungene Liedzeile aufnehmen und variieren, und dann ganz und gar weiterzutragen beginnen.
„>Nímm mích mít<, wie man wahrscheinlich in Hildesheim sagen würde“, stimmte ein auf die Selbstreflexivität der frühen Reife (der Wunsch nach einem starken Impuls und das Hadern mit seinem Ausbleiben), und ließ uns vielleicht einmal schon auf das blicken, was Wolfgang bereits eine Weile mit Volker und allmählich auch mit mir machte: ...su nüdisch wie em Aurenbleck hann ich e Luftschloss lang/ nit mieh gehatt... , uns verführen und dabei auch dazu stehen, verführt werden zu wollen. Das ging so direkt gegen das depressive, aber auch verächtliche Arrangement mit den spätsozialistischen Zuständen, keine rechten Studienaussichten für uns, alte Männer, die sich in ihren Neidkomplexen vor allem damit beschäftigen, repressive Regeln gegen die lebendigsten Jungen auszulegen, und das alles vor dem Hintergrund der ewig bildungsbürgerlichen pomm'rischen Stadt, die selbst mit dem DDR-Sozialismus recht eigentlich nichts zu tun haben wollte.
Kumm, lommer flüchte, nit op Ecke ston, op Wunder waade, bess mer alt un grau sind, Weg tun Gerüchte, Stammtisch, Märsche, Minsche, /die jeföhllos, doch dofür jenau sinn..., kam bei uns unmittelbar an, dieser Fluchtimpuls, zu, wegen, mit der großen Liebe, „von mir uss Kitsch“. Dennoch blieben die affirmativen Liebeslieder eine Ausnahme – Carmen war halt eine Insel - eigentlich spielte BAP die bittersüße Trennungsmusik – von „Anna dreh' dich nit ömm“ bis „Alexandra, nit nur du“, und kaum eine der Frauen, die wir kannten, konnte das leiden (Stimmt das jetzt, Volker?). Lieber Wolfgang, übrigens, für diese Zeile, „manch eener föllt sich he im Stich jelosse, Alexandra nit nur du“, und das Stück überhaupt, wirst Du den Platz in meinem persönlichen Olymp behalten, so lange ich lebe, eine Zeile für diese Scheißalternative, einander wieder -und auf einem Höhepunkt eigener Angst - in sein ganz persönliches Ausgeliefertsein entlassen zu müssen.
Plötzlich, getrennt, „endlich alleen“, scheinen wir auch von unserem Begehren getrennt, und die Welt erreicht uns als semblage, „Bild wie vun Breughel und Bosch“, ein Maler zu sein half Wolfgang vielleicht, daß so zu schildern, wie in Bahnhofskino, oder auch, mehr auf die Spuren der Liebe und der Wiederholung hin, in „Zufall un e janz klee' bessje Glöck“. Ja, auch in Kristallnaach – aber das muß gesondert behandelt werden. Erstmal was zu den warmen Worten – so waren die Einleitungen der LP-Texthefte übertitelt. und, lieber Wolfgang, Du kannst Dir etwas darauf einbilden, daß wir verkappten Punks eigentlich grundsätzlich Deine warmen Worte gelesen haben, Pathos von der Rolle, und doch mußten wir Dir glauben, daß Du das hast und nichts anderes, Dein Köln und Deine Fluchtträume, und die unerhörte Freiheit, nicht wirklich weggehen zu müssen. In den Zeilen, die Verdamp lang her einleiten, ist vom Tod des Vaters die Rede, merkwürdig, daß ich viele Male erfahren habe, was Bap auf kölsch bedeutet, und es so viel Male vergessen habe. „Häss fess jegläuv, dat wer im Hemmel op dich waat, 'ich jönn et dir', hann ich jesaat“, diese Zeile aus Verdamp lang her, drückte früh aus, was wir nicht zu wünsche wagten, dem Vater zu verzeihen und ihm sein Luftschloss zuzugestehen, viel Zeit mußte vergehen, ehe wir darüber in Prosa sprechen konnten. Aber so muß es auch für Wolfgang gewesen sein, jene einleitende Zeilen in der Textbeilage sprechen von gesammelten Textfetzen, aber auch davon, sich zum ersten Mal gegenseitig für voll zu nehmen.
Und überhaupt, Hildesheim, Hagen und Fallingbostel, diese ganzen provinziellen Peripherien, stützten irgendwie unser Metropolen-Mißtrauen, das damals dem verkommenen und so kalten Ostberlin galt. Selbst Köln ging als vertrautes Mikromilieu durch und wurde nie richtig großstädtisch – ohne die Möglichkeit auf einen Realitätstest. Wie eine Bestätigung erschien – auch im Osten – die vierte LP mit einem dörflichen Tonstudio auf dem Cover. Hätte Amiga das Textheft dazugelegt, hätten wir schon damals lesen können, daß es sich um einen stillgelegten Bahnhof handelte.
Als Reggea auf dem ersten Livealbum lustvoll zelebriert, hörten wir Stell dir vüür ab auf Hinweise auf die tatsächliche Repressivität bundesdeutscher Institiutionen – unser Mißtrauen den allzu leichthin den Westen Lobenden im Hintergrund – und doch fiel die Prüfung zu dessen Gunsten aus. Diese Gewissenprüfung würden wir bestehen. Immer, wenn der Ausdruck von Aufruhr und diffuser Widerständigkeit, direkt körperlich in Zehnter Juni: mir bricht der Schweiß bei jedem Woot vun üch uss, sich an eine Sache zu binden beginnt, wird es riskant – das war deutlich in den Rheinauen 1982, als es gegen Reagan und den Raketenbeschluß ging, mit der DKP und einer Reihe Volk, die von der sowjetischen Bedrohung nichts wissen wollten. Wir im Osten waren da nicht so in Gefahr, das zu unterschätzen, hielten Bap stirnrunzelnd die Treue und sangen derweil den Refrain unseren kleinen Herrschenden ins Ohr, plant mich bloß nit bei üch ein, sick ich üch durchschaut hann, weiß ich, dat ich nit om allerfalschste Dampfer benn, aber vor allem einander Mut zu. Fast schon zu spät kamen die Zeilen in Deshalv' spill' mer he die uns doch unmittelbar adressierten: mir hann Frönde he, die hann kein wieße Duuv op blauem Grund, die hann 'ne Schmied, dä mäht 'n Schwert jraad zo 'nem Plooch, en SS 20 zo nem Traktor un en Pershing zo ner Lok..., mit denen sich so deutlich auf die Seite eines streitbaren Pazifismus schlugen, endlich, so daß sie Unter den Linden schließlich nicht anders behandelt wurden als andere Pazifisten in diesem Lande auch. Es war nur Tage später, als die Band, mit einem erkälteten Niedecken, und erweitert um einen wunderbar schräg daherkommenden Bläsersatz, in der kalten Waldbühne spielten, und wir uns darauf einzurichten begannen, in Drei Wünsch frei (der Rias übertrug und das war meiner Erinnerung nach das erste Stück) nunmehr Staatssicherheit mitzusingen, wo vom Verfassungsschutz die Rede war. In diesem Konzert (ich hätte so gern eine Aufnahme) war es auch, als Niedecken sich das Mitklatschen in Kristallnaach verbat, und das Publikum folgte auf's Wort, und plötzlich bekam das Konzert beinahe den Charakter einer Messe. Kann es sein, daß es hier um etwas ging, mit dem Niedecken sich auch nicht ganz wohl fühlte? Damit bin ich im Nachhinein beschäftigt, und vielleicht auch mit dem Titel unglücklich, denn eigentlich ist von der sich immer wieder abspielenden Kanalisierung projektiver Spießerinstinkte die Rede – so Niedecken im Textheft. Ist es nun unserem ostdeutschen Hintergrund geschuldet, daß ich das Lied immer wieder auf Hinweise zur Vorgeschichte der Shoa absuchte, von der es so wenig Zeugnis gab in unserem Land? Und die Suche nach den jüdischen Opfern – der Kristallnaach, der Shoa, geht in diesem Stück ins Leere – also doch eine Betrachung sich wiederholender Momente. Niedecken schrieb das Stück in Griechenland, ist mit der Junta dort beschäftigt, aber warum dann dieser Titel? Ausgerechnet in der letzten Strophe wird so etwas wie ein Verführer benannt in diesem Stück über Verführbarkeit: en barbarischer Gier noh Profit. Konnte hier vielleicht nicht von der Shoa die Rede sein, weil hier die Faschismustheorie der DDR anklang – Herrschaft der aggressivsten Kreise des Monopolkapitals – die die Shoa unerwähnt lässt wie sie nicht erklären konnte?


//Zitierte Stücke
Verdamp lang her – aus für usszeschnigge 1981
Kristallnaach, Zehnter Juni – aus vun drinne noh drusse 1982
Nemm mich met – aus bess demnähx 1983
Alexandra, nit nur do, Deshalv spill' mer he, Drei Wünsch frei – aus zwesche Salzjebäck un Bier 1984

Montag, 6. September 2010

Segeln mit Sarrazin - Der Andere und das Introjekt

Der Andere und das Introjekt.


Durs Grünbein schreibt über das Küssen, „es mißlingt immerfort, scheitert – grandios. Unmöglich, mit den Lippen ins Furchtzentrum vorzustoßen...“ (in der F.A.Z. vor einigen Tagen). Ja, das Küssen scheitert immer wieder, aber auch, weil es eine andere Vergeblichkeit wiederholt, das da, die erste Andere, m/other, wieder nachhaltig an- und einzusaugen, aber auch die untilgbaren – introjektiven – Spuren späterer Verluste.

Beim Spazieren mit einer sehr gemochten Bekannten neulich am Fluß, eigentlich bin ich schon in Eile, mich zu trennen, gehen wir an einem Schiff vorbei, das gerade Passagiere aufnimmt, und entschließen uns kurzerhand, mitzufahren, es fährt den gleichen Weg. Im alten Krankenhaus, einem meiner Lieblingsgebäude der unmittelbaren Umgebung, das wir passieren, ist sie geboren, wie ich an dieser Stelle erfahre. Sie bekommt auf diesem Schiff, wir sitzen beide auf dem Oberdeck, einen Anruf, erfährt vom Tod eines früheren Kollegen. Zwei Tage später soll noch jemand sterben, in einem Krankenhaus, das nur wenige hundert Meter entfernt ist, meine Kollegin B., ich erfahre es zunächst nicht. Beinahe zeitgleich stirbt Schlingensief, als mich die Nachricht von seinem Tod erreicht, breche zu meiner Überraschung in Tränen aus. Die Verabschiedung von meiner Spaziergängerin will nicht recht gelingen, wir zögern das Auseinandergehen auf dem Weg von der Anlegestelle immer wieder hinaus. Schließlich steigt sie in den Zug, der sie zu ihrem Vater bringen soll. Fast komme ich zu spät zu meiner Therapiestunde, die die erste von noch dreien an diesem Abend ist, die werden anstrengend – für meine Patienten – ich will Vitalität und insistiere darauf.

Frau H.'s sonst so eilfertiges Bedienpersonal, Kellnerin und Kellner, ignorieren mich heute, als ich nach der Segeltour eher pflichtschuldig als mit Appetit ein Bauernfrühstück bestellt habe – das heißt, das bekomme ich noch, ehe sich niemand mehr auf der Terasse, wo ich allein mit ein paar Wespen sitze, sehen lässt. Die Wespen können nicht richtig schwimmen, obwohl sie es in meiner Apfelschorle versuchen. Ich rette ihnen das, dennoch nur noch kurz währende, Leben. Ein interessantes Experiment, eine kleine Mutprobe, ich fuhr gestern mit dem Abendzug zum See, legte die Jolle noch in der Dämmerung ab, und versuchte, die mir bei Tageslicht wohlbekannte Insel nun im Dunkeln zu erreichen. Vor dem sanften Nordost, bemühte ich mich, so selten wie möglich mit meiner LED-Lampe voraus zu leuchten, da sich anschließend für Minuten völlige Dunkelheit einstellte. Jedes Mal, wenn ich leuchte, finde ich mich unheimlich nahe einer Schilfküste, und kann nur eilig anluven. Dann bin ich draussen aus der Bucht, öffne ein Bier, und nehme dann mit dem schon routinierten Erstaunen zu Kenntnis, daß kurz vorm Ziel der Wind plötzlich zunimmt. So passiere ich ein wenig zu schnell die Westküste von Mikado Island, wie die Insel heißt, seitdem ich einmal einen Nachmittag mit K. hier verbracht habe. Damals, in großer Hitze, fanden wir die mutmaßlich einzige Schilfbucht der Insel, und K. erfand, voller überschüssiger Energie, das Aquamikado. Hier sei nur soviel verraten – das geht mit Schilf ganz gut, hat aber andere Unwägbarkeiten als an Land. Jedenfalls bin ich zu schnell, um die ganz kleine Schilfeinfahrt – nun leuchte ich ständig – zu finden, oder besser, als ich einmal denke, sie zu erblicken, bin ich auch schon vorbei, und lege mich, zu müde, um zurück zu kreuzen, am ganz überwindigen Südufer ins Schilf. Erstaunliche Phantasien von einem slippenden Anker und einem treibenden Boot begleiten mein Einschlafen, ich wache jedoch in der Tat ganz unbewegt dort auf, wo ich eingeschlafen war. Während ich auf das Hotel von Frau H. zugehe, die Jolle schon wieder angelegt und vertäut, habe ich, darauf wollte ich hinaus, den ersten Moment von Bedauern angesichts dieser Tour – bin ich nun tatsächlich so geworden wie mein Onkel, der sich Wochenende für Wochenende zu nächtlichen Angeltouren entfernt und so eine unverfängliche Entschuldigung dafür gefunden hat, sich aus seiner Ehe gerade an den heiligen Abenden, den Samstagen, zu empfehlen? Dieses Moment scheint etwas mit der bevorstehenden Begegnung mit Frau H. zu tun zu haben, so, als käme mein Über-Ich wieder in Gang in der Anwesenheit dieser sich ihr anhaltendes Wohlwollen so mühsam abringenden älteren Frau und Wirtin. Ich ging zu diesem Bauernfrühstück im übrigen nur, weil ich den eigentlich angepeilten Zug verpasst hatte, in all meiner guten Laune beim Segeln vorher wollte ich zuviel an einer beschilften Landzunge, und fand mich auf Legerwall im Schilf wieder – der Wind drückte mich also weiter in dieses Schilf hinein. Da muß man sich freisegeln, und nachdem ich auf den guten Rat eines blassierten Vorbeiseglers das Schwert hochgenommen hatte, kam ich immerhin halb heraus, verwarf dann, immer mein grandioses Segelbuch repetierend, ins Wasser zu gehen, und landete doch wieder im Schilf. Statt aus diesem Buch weitere Lektionen durchzugehen, sprach ich kurzentschlossen ein unter Motor vorbei fahrendes Paar an - die eigentümlicherweise auf einer mastlosen Segelyacht unterwegs waren, und bat sie um etwas Schlepphilfe. Erst als sie begannen, eine freundliche kleine Runde zu fahren, sah ich, in welche Bedrängnis die überreichlich vorhandenen Seerosen ihre Schraube bringen könnte. Dafür wird die Leine, die ich auf Anhieb fange, auch angezogen, noch ehe ich sie richtig fest habe, und einmal mehr geht es beim Segeln darum, alle zehn Finger wieder heil an Land zu bringen. Auch mein unvollendeter Pahlstek zieht letzlich das leichte Boot heraus, und ich kann, mangels Energie, die Schleppleine nur noch ungeschickt ins Wasser gleiten lassen – Schraube, Leine, Seerosen somit wieder ihr Problem, um es im Stil von Wolf Haas zu sagen. Die sind aber auch zu zweit, denke ich zu meiner Entlastung, und in der Tat packen sie es ganz gut. Aber es geht, wie ich nun, Stunden später, weiß, um die Anderen, den Anderen, und darum, sie, wenn es Zeit wird, zu beladen.

Später im Zug, endlich, denke ich, schließlich war B. am Vortag beerdigt worden, ein Anfall von Traurigkeit, als ich eine Gleichgesinnte in einer älteren Frau mit weißen Kopfhörern zu erkennen meine, deren Platz ich belege, weil sie sich von ihrem Mann fort gesetzt hatte, um etwas mehr Raum zu haben. Raum deshalb, weil gegenüber von dem Platz, den nun ich einnehme, eine Frau sitzt, die etwa das Vierfache des Standardformates hat. Vor ihren Knien eingeklemmt, bin ich unfähig, meinen Oz weiterzulesen, während sie mit einem Organ zu ihrer körperlichen eine diskursive Gewalt hinzufügt. Das heißt, ich ahne nur, was sie da sagt, weil ich mir tatsächlich diese unerträglich leisen Iphonekopfhörer aufsetze und in meinen Musikdateien herumhöre, nicht ohne, daß mich Fetzen des überlauten Gespräches mit ihrer Nachbarin erreichen. Die Gewaltige und ihre zarte Begleiterin steigen schließlich aus, das Paar setzt sich wieder zusammen, und ich nehme diese weißen Hörer aus dem Ohr, um von ihrer Schweizer Herkunft, ihrer Begeisterung für die durchfahrene Landschaft, und der Tochter in der deutschen Großstadt, zu deren Besuch sie nun auf Umwegen reisen, zu hören. Natürlich ist sie irgendwie eine Kollegin, wir erkennen einander, und der smalltalk, der gelingt, schlägt schwer auf in mir. Dennoch bringe ich die Geschichte von K. und mir, die sich um das Brienzer Rothorn und somit in der Schweiz abspielte, in diesem Geplänkel unter und mache es so etwas weniger beiläufig. K. und ich haben dort unser Abschiedmenu gegessen, das dadurch, daß wir eigentlich eine Stunde vorher damit gar nicht gerechnet hatten, nur besser wurde. Zusammen essen, eine original Schweizer Gehörnte Bergziege – wie heißen die nur noch einmal, zum Nachtisch, dann eine finale Destination erreicht haben. Dem Berner Paar gegenüber gewann ich jedenfalls – so zart wurden sie zu mir – etwas zurück, was durch meine unrasierte und fleckenbehoste Erscheinung ganz fern schien.
Nun Theorie: Das Introjekt ist der erste Schatten, den das verlorene Objekt in das Ich wirft, und etwas von dem Verlust wird Introjekt bleiben, selbst wenn die Trauerarbeit gelingt. Das scheint so zu laufen, weil der Wiederholungszwang uns nahelegt, eine frühe, unerträgliche Deprivation eben zu wiederholen, anstatt auf erwachsenem Niveau zu reifen, zu elaborierten Ersatzobjekten überzugehen, oder eben diese reife Seite in denen, die uns nahe sind, zu würdigen. Ich muß an dieser Stelle ohne die mindeste Neigung zur Politik hervorheben, daß Thilo Sarrazin im achten Lebensjahr in ein Heim gegeben wurde, und gegenwärtig mit seinen Thesen in ihrer Unverdaulichkeit – eine derartige frühe Verlassenheit hervorruft und ausbadet. Man lasse sich bei der Popularität – heute sah ich ihn auf dem „Spiegel“-Titel – nicht über die damit verbundene lustvolle Kälte hinweg täuschen – es ist das radikal Andere, was die Kommentatoren in Sarrazin lustvoll isolieren und abspalten. Muß ich hier bemerken, daß ich den Sarrazinthesen wenig abgewinnen kann, und schon der Deskription mißtraue? Hier spricht jemand, der auf das Soziale zum Verzweifeln angewiesen ist, weil da an einem frühen Punkt in der Entwicklung zu wenig Mütterlichkeit war.

Mittwoch, 11. August 2010

Verluste en gros und en detail

Als ich von meinem kleinen Spaziergang, den ich unternahm, ehe ich mit
diesem Blog nun beginne, beinahe schon zurückgekehrt war, zog ich meine
Schlüssel aus der Hosentasche und riß einen kleinen metallischen
Gegenstand mit heraus, der in einem Fußbodengitter im Dunkel verschwand.
Ich werde mir nicht recht einig, was das gewesen ist, was ich da
verloren habe. Es könnte eine Euromünze gewesen sein, die sich aber
eigentlich nicht in der rechten, sondern in der linken Hosentasche hätte
befinden müssen, wie einige andere noch, während ich dies schreibe. Aber
was anderes könnte es gewesen sein? Sollte ich zurückgehen und mit einer
Lampe versuchen, das Objekt des Verlustes in der Tiefe der Fensternische
zu identifizieren suchen? Kann ich damit rechnen, etwas zu sehen, oder
muß ich mit Bewuchs und früheren Fallstücken rechnen, die das aktuelle
Objekt des Verlustes unkenntlich verschwinden lassen? Und für den Fall,
das ich es nicht sehe, was ich verloren habe, müßte ich mich mit der
Hypothese beschäftigen, ich hätte mir das taktile und akustische
Phänomen eines fallenden, etwa münzgroßen metallischen Gegenstandes nur
eingebildet, möglicherweise, weil mit dem Schlüssel eine bereits bei mir
bestehende Verlustphantasie aktiviert wurde? Ich lief erst vor zwei
Wochen eine Stunde ratlos in der Annahme durch einen Teil dieser Stadt, ich hätte meinen Schlüssel verloren, den ich lediglich in der Arbeitstasche vergessen hatte (Tatsächlich hatte ich an diesem Tag die Unterstützung einer Kollegin verloren). Sollte ich daher besser auf weitere Nachforschung verzichten?
Oder kann es einen tröstenden Ersatz für dieses unklare Verlustgefühl
geben? Könnte es helfen, etwas auch noch Unbestimmtes zu schaffen, und
so das unbekannte Objekt des Verlustes zu ersetzen? Könnte es helfen,
mit diesem Blog zu beginnen? Wir werden sehen.
Ich habe als Ausbildungskandidat in den letzten sieben Jahren die
Psychoanalyse trainiert, analyst-in-training heißt es im Englischen, und
sehe meinem Abschluß entgegen. Danach werde ich mich entscheiden und
bemühen, als Analytiker zu arbeiten, das heißt, in eigener Praxis so
weiterzuarbeiten, wie ich es bislang in der Praxis meines
Ausbildungsinstitutes trainiert habe. Für die Analysanten (oder
Patienten) sieht es zunächst wohl so aus, als bestünde da kaum ein
Unterschied, setting und equipment sind das Übliche: zwei Stühle, eine
Couch, plus X, Pflanzen, Bücher, Bilder. Man sieht sich immer zu zweit.
Ein Türschild erscheint beinahe überflüssig, denn die Arbeit dauert über
Jahre, bald wird der Weg sekundär automatisiert, kaum noch wahrgenommen.
Manche Analysanten gehen dennoch, oft nach Monaten, einmal fehl oder
verirren sich auf dem Weg zur Stunde. Das Unbewußte wird agiert, innere
Widerstände versperren den direkten Weg. Und der analytische Kandidat
selbst? Von ihm wird erwartet, den Weg zu finden, den Raum pünktlich dem
Analysanten zu öffnen, beinahe noch wichtiger, wie man sehen wird,
pünktlich zu schließen. Geht er, der Garant des setting, der äußeren
Stabilität, auch einmal fehl? Beinahe schon notorisch der Versuch, die
Tür der Praxisgemeinschaft mit meinem privaten Wohnungsschlüssel
aufzuschließen, wieder der Schlüssel. Schon weniger eine harmlose
Anekdote, eine gewisse Neigung, die Vorfahrt zu erzwingen auf der Fahrt
zur Arbeit, wie, um sich der Fähigkeit, einen Widerstand zu überwinden,
auch unter Risiken zu versichern. Oder die zweite Hälfte der Stunde
einer Analysantin, in der meine Gedanken einzig einer gewissen Tasche
gelten, die ich auf dem Weg zur Stunde in einem Schaufenster gesehen
habe, und die ich nach dem ersehnten Ende zwei Minuten vor Ladenschluß
tatsächlich kaufe, als einen äußerlich in meinem Besitz bis heute
sinnlosen Gegenstand. Aber ich könnte hier zu viel verraten, zu viel
Aufforderung liegt in der Marke open office, unter der mein Text
verarbeitet wird. Ich erinnere mich besser daran, was ich phantasiert
habe, als mir das winzige und recht eigentlich überflüssige Türschild
eines Psychoanalytikers zu wenig wurde: man könnte doch der Sache einen
zugkräftigen Namen geben, der company eine markige Identität. Am
ehesten, soweit war ich schon in meiner grandiosen Phantasie, könnte die
psychoanalytische Kleinfabrik „Verluste en gros und en detail" genannt
werden. Inzwischen weiß ich, es ist keine Fabrik, auch wenn die Idee
einer Fabrik, die Verluste fabriziert, ein Stück weit trägt. Und André
Heller, der Poet des reflektierten Narzißmus, einmal schrieb „der Mensch
ist das, was er verliert, und was ihn deshalb schert". Das Album heißt
„Basta", und gewisse Lokale nennen sich „Zur letzten Instanz" oder,
schon besser, „Zum zerbrochenen Schwan". Durch die Türen dieser Läden
wollen hier aber nicht gehen, bevor wir nicht dem, was wir gerade
verloren haben – was war es nur, dieses euromünzengroße metallische
Objekt, das in die Finsternis der Bordstein-Fensternische gefallen sein
dürfte?

Das Introjekt, der Narzißmus, die Übertragung

Die Artikel sind schon mal richtig, und die Reihenfolge hat auch etwas
zu bedeuten. Ins Unreine: das Web, der Autor, die m/other. Haben Sie
etwas anderes erwartet?
Etwas systematischer möchte ich die Sache von zwei Seiten angehen,
einmal hat die Psychoanalyse Begriffe geprägt, die mir etwas
aufgeschlossen haben, was ohne sie nicht zu gewinnen schien, eine
Markierung von etwas anwesend Abwesendem. Und das scheint mir ein
wichtiges Projekt, das ich am Laufen halten möchte. Das Introjekt
scheint etwas zu sein, was in unserer affektiven Erinnerungsspuren
deutlich anders repräsentiert ist, als in unserem sprachlichen
Erinnerungsvermögen. Sie erinnern sich an meinen heutigen vagen Verlust:
etwas ist mir wohl aus der Tasche gefallen, was sich nicht genau
bestimmen läßt, denn nun ist es verschwunden. Ich kann mich nicht
erinnern, was es war, aber ungefähr, wie es war, ein eurostückgroßer
metallischer Gegenstand. Wäre es ein Euro gewesen, hätte ich es längst
vergessen, abgeschrieben. Die Nähe meines Schlüssels zu dem Mißgeschick
läßt mich Vermutungen anstellen, ob eine andere Verlusterfahrung dafür
sorgt, daß das unbestimmte Verlustgefühl nicht ganz vergeht, sondern
mich weiter beunruhigt. Daß, was am Introjekt keine rationale Erklärung
findet, sucht sich mit anderen unbestimmten – vorsprachlichen –
Erinnerungsspuren zu verbinden, die mit Verlust assoziiert sind. Sie
merken vielleicht hier, daß ich etwas ungelenk formuliere, ich schreibe
in meinem Wohnzimmer, einige Meter entfernt von dem Arbeitszimmer mit
der Bibliothek. Und ich werde mich bemühen, eine Weile nicht bei den
Autoren der Psychoanalyse definitorische Unterstützung zu suchen, weil
ich gern sehen will, ob ich die Begriffe freihändig zum Arbeiten bringen
kann. Und weil ich davon ausgehe, daß die Begriffe ebenfalls zweizeitig
arbeiten, in definitions und in the cloud, um einmal die Sprache der
Hypertextgeneration zu bemühen. Und überhaupt, wie ist es mit dieser
Generation bestellt: sprechen wir eine Sprache? Der Laden, an dem ich
vorhin vorbeiging, offerierte sicherheitshalber in zwei Diskursen seine
Getränke: „Alles auch zum Mitnehmen"// „Alles To Go". Ist es ein Zufall,
daß die zusätzliche Botschaft, die in dem „auch" enthalten ist, in der
Version für die Jüngeren verloren geht? Verlangt das „auch" gar zuviel –
für diese Generation?
Und gerade jetzt fällt mir ein, daß mein Abend ganz anders geplant war,
und ich diesen Spaziergang nur machte, um äußerlich etwas in Bewegung zu
kommen, ich hatte mich am Schreibtisch verspannt. Eigentlich hatte ich
auf meine Freundin gehofft, die sich aber spät mit eigener workload
entschuldigte, aber auch unentschieden und verzagt dabei klang, so daß
ich sie nicht auch noch mit meiner Enttäuschung beladen wollte. Bin ich
eigentlich schon genug analysiert? Sie werden es wissen, ich kenne
solche Räume mit dem Standardequipment plus x, in denen man die gleiche
Person über hunderte Stunden sieht, auch als Analysant, das ist ein
wesentlicher Teil meiner Ausbildungspflichten gewesen, und inzwischen
auch regelmäßig eine pure Lust geworden. Aber wie fühlen Sie sich gerade
– fangen sie an zu gähnen, wo ich die vage Verlusterfahrung bis zu
meiner Freundin und meiner Analytikerin getrieben habe? Also doch eine
simple ödipale Kiste, würden wir in unserem Jargon sagen. Sollte ich
dann Ver/lust schreiben, analog zu dem genialischen und oft genialen
Lacan, der m/other schrieb, weil es sich bei der Mutter um die erste
Andere – und den ersten Verlust im Außen - handelt? Sie müssen zu
Kenntnis nehmen (mich zieht es in die Bibliothek, bevor meine Freundin
anruft, um mir mitzuteilen, daß sie doch noch kommen wird, eine schöne
Phantasie), daß in der Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse in jedem
vierten Artikel seit Jahren davon die Rede ist, daß wir uns mit dem
Ödipalen überfordern, und unsere Patienten dazu, denn oft ist es ein
vorschnelles Begreifen im Dreieck Papa/Mama/gespaltenes Ich, das uns und
die Patienten überfordere und damit eine Überforderung, auf die die
Analysanten als Kinder mit voreiliger „erwachsener" Sexualisierung
reagiert haben, einfach wiederholen. Sie wissen, wovon hier die Rede
ist, das Schlagwort im Jargon heißt „pseudoödipale Strategien". Die
Hysterika leidet größtenteils an Reminiszenzen, so ungefähr Freud, und
versucht, die damit verbundene Erregung in ihrer Not, keine klare
Abgrenzung ich/anderer, die nicht gleichzeitig bedrohlich wäre,
hinzubekommen, zu sexualisieren, und überfordert sich haltlos dabei. Der
Andere (Geliebte) der Hysterika hat seinen Weg zu finden als Adressat
sexueller Signale, aber einer präödipalen Übertragung kindlicher
Erregung. Oft hilft er ihr (Mann/Frau-Schema hier nur zur Vereinfachung)
durch seine Rage immerhin bei dem originären Ziel: der Abgrenzung. So
läuft es, und ich will hier einstweilen nur von dem Mut eines
Frankfurter Kollegen (Name gern auf Anfrage), auf einem
psychoanalytischem Frauenkongreß vor einigen Wochen als einziger
männlicher Referent das Podium zu betreten, und … zu Charlotte Roches
Feuchtgebieten zu referieren. Wenn ich ihn richtig verstanden habe,
wartet das Buch zumindest für die durch PR und Rezensionen sexualisiert
Interessierten mit einer Enttäuschung auf: worum es der Heldin – Helen,
glaube ich, geht, ist nicht die freizügige Exploration ihrer
weiblich-genitalen Innenwelt durch physisch akzeptable Männer, im
Gegenteil wird sie krank dabei, und ihr originärer Wunsch erscheint am
Ende des Buches erfüllt, „endlich mal einem Typen zu sagen, daß sie
eigentlich erst mal nicht mit ihm schlafen will". Muß ich das Buch
einmal selbst lesen, oder hat der Kollege wesentlich referiert?
Was zeigt das Bild, über das was es an Außenwelt repräsentiert, hinaus?
Damit spiele ich darauf an, daß ich das Blockintro nicht schließen mag,
ohne etwas zu dem Bild zu sagen, daß ich vorangestellt habe. Sie dürfen
mir gern schreiben, wo Sie denken, daß es aufgenommen wurde, und wer bis
zum Ende des Dezeniums am dichtesten dran ist, bekommt eine Ausgabe von
Freuds „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten". Aber das berührt
die Außenwelt. Und bei dem Bild geht es mir auch darum, daß es den
Beginn eines psychoanalytischen Prozesses repräsentieren könnte. Und
damit will ich mich jetzt beschäftigen, wo in diesem Jahr so viele
analytische Beziehungen zu Ende gehen. Die Kargheit der Landschaft steht
für die Kargheit der gegenseitigen libidinösen Besetzung zwischen
Analytiker und Analysant. Und wenn Sie jetzt sagen, das verkennt doch,
was da von Anfang an in Gange ist an Idealisierungen, positiv wie
negativ (ein kluger, ein gutaussehender Therapeut, einer, der versteht,
ein ignoranter unsensibler, alter Sack// eine interessante, aufblühende,
sensible Patientin), will ich erwidern,
daß das alles noch zu sehr die Spuren der Verluste der beiden trägt, und
allzu sehr Züge von Eltern und Elternfiguren von Analysant und
Analytiker, um für den allmählich beginnenden Prozeß für bare Münze
gelten zu können. Die Analyse beginnt in der Regel im Herbst, und wir
Mitteleuropäer sind weit entfernt, in dieser Photographie eine
Todeslandschaft zu sehen, wissend, die folgenden Jahreszeiten bedecken
und beleben die Kargheit, die das Bild zeigt. Wir sind in unserem
bewußten Leben fern der Angst, vor der ewigen Nacht, „daß die Sonne
nich' mehr wiederkommt" (Udo Lindenberg) wie vor dem ewigen Spätherbst.
Und doch bleibt da die Frage, was wir da verloren haben, da, vorhin vor
der Tür, oder im letzten, nun wirklich vergangenen, Frühling. Beginnen
wir die Psychoanalyse, ehe die Verluste, ehe die Introjekte, uns allzu
bedrohlich zu puzzlen beginnen, ehe Fragmentierung droht.