Der Andere und das Introjekt.
Durs Grünbein schreibt über das Küssen, „es mißlingt immerfort, scheitert – grandios. Unmöglich, mit den Lippen ins Furchtzentrum vorzustoßen...“ (in der F.A.Z. vor einigen Tagen). Ja, das Küssen scheitert immer wieder, aber auch, weil es eine andere Vergeblichkeit wiederholt, das da, die erste Andere, m/other, wieder nachhaltig an- und einzusaugen, aber auch die untilgbaren – introjektiven – Spuren späterer Verluste.
Beim Spazieren mit einer sehr gemochten Bekannten neulich am Fluß, eigentlich bin ich schon in Eile, mich zu trennen, gehen wir an einem Schiff vorbei, das gerade Passagiere aufnimmt, und entschließen uns kurzerhand, mitzufahren, es fährt den gleichen Weg. Im alten Krankenhaus, einem meiner Lieblingsgebäude der unmittelbaren Umgebung, das wir passieren, ist sie geboren, wie ich an dieser Stelle erfahre. Sie bekommt auf diesem Schiff, wir sitzen beide auf dem Oberdeck, einen Anruf, erfährt vom Tod eines früheren Kollegen. Zwei Tage später soll noch jemand sterben, in einem Krankenhaus, das nur wenige hundert Meter entfernt ist, meine Kollegin B., ich erfahre es zunächst nicht. Beinahe zeitgleich stirbt Schlingensief, als mich die Nachricht von seinem Tod erreicht, breche zu meiner Überraschung in Tränen aus. Die Verabschiedung von meiner Spaziergängerin will nicht recht gelingen, wir zögern das Auseinandergehen auf dem Weg von der Anlegestelle immer wieder hinaus. Schließlich steigt sie in den Zug, der sie zu ihrem Vater bringen soll. Fast komme ich zu spät zu meiner Therapiestunde, die die erste von noch dreien an diesem Abend ist, die werden anstrengend – für meine Patienten – ich will Vitalität und insistiere darauf.
Frau H.'s sonst so eilfertiges Bedienpersonal, Kellnerin und Kellner, ignorieren mich heute, als ich nach der Segeltour eher pflichtschuldig als mit Appetit ein Bauernfrühstück bestellt habe – das heißt, das bekomme ich noch, ehe sich niemand mehr auf der Terasse, wo ich allein mit ein paar Wespen sitze, sehen lässt. Die Wespen können nicht richtig schwimmen, obwohl sie es in meiner Apfelschorle versuchen. Ich rette ihnen das, dennoch nur noch kurz währende, Leben. Ein interessantes Experiment, eine kleine Mutprobe, ich fuhr gestern mit dem Abendzug zum See, legte die Jolle noch in der Dämmerung ab, und versuchte, die mir bei Tageslicht wohlbekannte Insel nun im Dunkeln zu erreichen. Vor dem sanften Nordost, bemühte ich mich, so selten wie möglich mit meiner LED-Lampe voraus zu leuchten, da sich anschließend für Minuten völlige Dunkelheit einstellte. Jedes Mal, wenn ich leuchte, finde ich mich unheimlich nahe einer Schilfküste, und kann nur eilig anluven. Dann bin ich draussen aus der Bucht, öffne ein Bier, und nehme dann mit dem schon routinierten Erstaunen zu Kenntnis, daß kurz vorm Ziel der Wind plötzlich zunimmt. So passiere ich ein wenig zu schnell die Westküste von Mikado Island, wie die Insel heißt, seitdem ich einmal einen Nachmittag mit K. hier verbracht habe. Damals, in großer Hitze, fanden wir die mutmaßlich einzige Schilfbucht der Insel, und K. erfand, voller überschüssiger Energie, das Aquamikado. Hier sei nur soviel verraten – das geht mit Schilf ganz gut, hat aber andere Unwägbarkeiten als an Land. Jedenfalls bin ich zu schnell, um die ganz kleine Schilfeinfahrt – nun leuchte ich ständig – zu finden, oder besser, als ich einmal denke, sie zu erblicken, bin ich auch schon vorbei, und lege mich, zu müde, um zurück zu kreuzen, am ganz überwindigen Südufer ins Schilf. Erstaunliche Phantasien von einem slippenden Anker und einem treibenden Boot begleiten mein Einschlafen, ich wache jedoch in der Tat ganz unbewegt dort auf, wo ich eingeschlafen war. Während ich auf das Hotel von Frau H. zugehe, die Jolle schon wieder angelegt und vertäut, habe ich, darauf wollte ich hinaus, den ersten Moment von Bedauern angesichts dieser Tour – bin ich nun tatsächlich so geworden wie mein Onkel, der sich Wochenende für Wochenende zu nächtlichen Angeltouren entfernt und so eine unverfängliche Entschuldigung dafür gefunden hat, sich aus seiner Ehe gerade an den heiligen Abenden, den Samstagen, zu empfehlen? Dieses Moment scheint etwas mit der bevorstehenden Begegnung mit Frau H. zu tun zu haben, so, als käme mein Über-Ich wieder in Gang in der Anwesenheit dieser sich ihr anhaltendes Wohlwollen so mühsam abringenden älteren Frau und Wirtin. Ich ging zu diesem Bauernfrühstück im übrigen nur, weil ich den eigentlich angepeilten Zug verpasst hatte, in all meiner guten Laune beim Segeln vorher wollte ich zuviel an einer beschilften Landzunge, und fand mich auf Legerwall im Schilf wieder – der Wind drückte mich also weiter in dieses Schilf hinein. Da muß man sich freisegeln, und nachdem ich auf den guten Rat eines blassierten Vorbeiseglers das Schwert hochgenommen hatte, kam ich immerhin halb heraus, verwarf dann, immer mein grandioses Segelbuch repetierend, ins Wasser zu gehen, und landete doch wieder im Schilf. Statt aus diesem Buch weitere Lektionen durchzugehen, sprach ich kurzentschlossen ein unter Motor vorbei fahrendes Paar an - die eigentümlicherweise auf einer mastlosen Segelyacht unterwegs waren, und bat sie um etwas Schlepphilfe. Erst als sie begannen, eine freundliche kleine Runde zu fahren, sah ich, in welche Bedrängnis die überreichlich vorhandenen Seerosen ihre Schraube bringen könnte. Dafür wird die Leine, die ich auf Anhieb fange, auch angezogen, noch ehe ich sie richtig fest habe, und einmal mehr geht es beim Segeln darum, alle zehn Finger wieder heil an Land zu bringen. Auch mein unvollendeter Pahlstek zieht letzlich das leichte Boot heraus, und ich kann, mangels Energie, die Schleppleine nur noch ungeschickt ins Wasser gleiten lassen – Schraube, Leine, Seerosen somit wieder ihr Problem, um es im Stil von Wolf Haas zu sagen. Die sind aber auch zu zweit, denke ich zu meiner Entlastung, und in der Tat packen sie es ganz gut. Aber es geht, wie ich nun, Stunden später, weiß, um die Anderen, den Anderen, und darum, sie, wenn es Zeit wird, zu beladen.
Später im Zug, endlich, denke ich, schließlich war B. am Vortag beerdigt worden, ein Anfall von Traurigkeit, als ich eine Gleichgesinnte in einer älteren Frau mit weißen Kopfhörern zu erkennen meine, deren Platz ich belege, weil sie sich von ihrem Mann fort gesetzt hatte, um etwas mehr Raum zu haben. Raum deshalb, weil gegenüber von dem Platz, den nun ich einnehme, eine Frau sitzt, die etwa das Vierfache des Standardformates hat. Vor ihren Knien eingeklemmt, bin ich unfähig, meinen Oz weiterzulesen, während sie mit einem Organ zu ihrer körperlichen eine diskursive Gewalt hinzufügt. Das heißt, ich ahne nur, was sie da sagt, weil ich mir tatsächlich diese unerträglich leisen Iphonekopfhörer aufsetze und in meinen Musikdateien herumhöre, nicht ohne, daß mich Fetzen des überlauten Gespräches mit ihrer Nachbarin erreichen. Die Gewaltige und ihre zarte Begleiterin steigen schließlich aus, das Paar setzt sich wieder zusammen, und ich nehme diese weißen Hörer aus dem Ohr, um von ihrer Schweizer Herkunft, ihrer Begeisterung für die durchfahrene Landschaft, und der Tochter in der deutschen Großstadt, zu deren Besuch sie nun auf Umwegen reisen, zu hören. Natürlich ist sie irgendwie eine Kollegin, wir erkennen einander, und der smalltalk, der gelingt, schlägt schwer auf in mir. Dennoch bringe ich die Geschichte von K. und mir, die sich um das Brienzer Rothorn und somit in der Schweiz abspielte, in diesem Geplänkel unter und mache es so etwas weniger beiläufig. K. und ich haben dort unser Abschiedmenu gegessen, das dadurch, daß wir eigentlich eine Stunde vorher damit gar nicht gerechnet hatten, nur besser wurde. Zusammen essen, eine original Schweizer Gehörnte Bergziege – wie heißen die nur noch einmal, zum Nachtisch, dann eine finale Destination erreicht haben. Dem Berner Paar gegenüber gewann ich jedenfalls – so zart wurden sie zu mir – etwas zurück, was durch meine unrasierte und fleckenbehoste Erscheinung ganz fern schien.
Nun Theorie: Das Introjekt ist der erste Schatten, den das verlorene Objekt in das Ich wirft, und etwas von dem Verlust wird Introjekt bleiben, selbst wenn die Trauerarbeit gelingt. Das scheint so zu laufen, weil der Wiederholungszwang uns nahelegt, eine frühe, unerträgliche Deprivation eben zu wiederholen, anstatt auf erwachsenem Niveau zu reifen, zu elaborierten Ersatzobjekten überzugehen, oder eben diese reife Seite in denen, die uns nahe sind, zu würdigen. Ich muß an dieser Stelle ohne die mindeste Neigung zur Politik hervorheben, daß Thilo Sarrazin im achten Lebensjahr in ein Heim gegeben wurde, und gegenwärtig mit seinen Thesen in ihrer Unverdaulichkeit – eine derartige frühe Verlassenheit hervorruft und ausbadet. Man lasse sich bei der Popularität – heute sah ich ihn auf dem „Spiegel“-Titel – nicht über die damit verbundene lustvolle Kälte hinweg täuschen – es ist das radikal Andere, was die Kommentatoren in Sarrazin lustvoll isolieren und abspalten. Muß ich hier bemerken, daß ich den Sarrazinthesen wenig abgewinnen kann, und schon der Deskription mißtraue? Hier spricht jemand, der auf das Soziale zum Verzweifeln angewiesen ist, weil da an einem frühen Punkt in der Entwicklung zu wenig Mütterlichkeit war.
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Montag, 6. September 2010
Mittwoch, 11. August 2010
Verluste en gros und en detail
Als ich von meinem kleinen Spaziergang, den ich unternahm, ehe ich mit
diesem Blog nun beginne, beinahe schon zurückgekehrt war, zog ich meine
Schlüssel aus der Hosentasche und riß einen kleinen metallischen
Gegenstand mit heraus, der in einem Fußbodengitter im Dunkel verschwand.
Ich werde mir nicht recht einig, was das gewesen ist, was ich da
verloren habe. Es könnte eine Euromünze gewesen sein, die sich aber
eigentlich nicht in der rechten, sondern in der linken Hosentasche hätte
befinden müssen, wie einige andere noch, während ich dies schreibe. Aber
was anderes könnte es gewesen sein? Sollte ich zurückgehen und mit einer
Lampe versuchen, das Objekt des Verlustes in der Tiefe der Fensternische
zu identifizieren suchen? Kann ich damit rechnen, etwas zu sehen, oder
muß ich mit Bewuchs und früheren Fallstücken rechnen, die das aktuelle
Objekt des Verlustes unkenntlich verschwinden lassen? Und für den Fall,
das ich es nicht sehe, was ich verloren habe, müßte ich mich mit der
Hypothese beschäftigen, ich hätte mir das taktile und akustische
Phänomen eines fallenden, etwa münzgroßen metallischen Gegenstandes nur
eingebildet, möglicherweise, weil mit dem Schlüssel eine bereits bei mir
bestehende Verlustphantasie aktiviert wurde? Ich lief erst vor zwei
Wochen eine Stunde ratlos in der Annahme durch einen Teil dieser Stadt, ich hätte meinen Schlüssel verloren, den ich lediglich in der Arbeitstasche vergessen hatte (Tatsächlich hatte ich an diesem Tag die Unterstützung einer Kollegin verloren). Sollte ich daher besser auf weitere Nachforschung verzichten?
Oder kann es einen tröstenden Ersatz für dieses unklare Verlustgefühl
geben? Könnte es helfen, etwas auch noch Unbestimmtes zu schaffen, und
so das unbekannte Objekt des Verlustes zu ersetzen? Könnte es helfen,
mit diesem Blog zu beginnen? Wir werden sehen.
Ich habe als Ausbildungskandidat in den letzten sieben Jahren die
Psychoanalyse trainiert, analyst-in-training heißt es im Englischen, und
sehe meinem Abschluß entgegen. Danach werde ich mich entscheiden und
bemühen, als Analytiker zu arbeiten, das heißt, in eigener Praxis so
weiterzuarbeiten, wie ich es bislang in der Praxis meines
Ausbildungsinstitutes trainiert habe. Für die Analysanten (oder
Patienten) sieht es zunächst wohl so aus, als bestünde da kaum ein
Unterschied, setting und equipment sind das Übliche: zwei Stühle, eine
Couch, plus X, Pflanzen, Bücher, Bilder. Man sieht sich immer zu zweit.
Ein Türschild erscheint beinahe überflüssig, denn die Arbeit dauert über
Jahre, bald wird der Weg sekundär automatisiert, kaum noch wahrgenommen.
Manche Analysanten gehen dennoch, oft nach Monaten, einmal fehl oder
verirren sich auf dem Weg zur Stunde. Das Unbewußte wird agiert, innere
Widerstände versperren den direkten Weg. Und der analytische Kandidat
selbst? Von ihm wird erwartet, den Weg zu finden, den Raum pünktlich dem
Analysanten zu öffnen, beinahe noch wichtiger, wie man sehen wird,
pünktlich zu schließen. Geht er, der Garant des setting, der äußeren
Stabilität, auch einmal fehl? Beinahe schon notorisch der Versuch, die
Tür der Praxisgemeinschaft mit meinem privaten Wohnungsschlüssel
aufzuschließen, wieder der Schlüssel. Schon weniger eine harmlose
Anekdote, eine gewisse Neigung, die Vorfahrt zu erzwingen auf der Fahrt
zur Arbeit, wie, um sich der Fähigkeit, einen Widerstand zu überwinden,
auch unter Risiken zu versichern. Oder die zweite Hälfte der Stunde
einer Analysantin, in der meine Gedanken einzig einer gewissen Tasche
gelten, die ich auf dem Weg zur Stunde in einem Schaufenster gesehen
habe, und die ich nach dem ersehnten Ende zwei Minuten vor Ladenschluß
tatsächlich kaufe, als einen äußerlich in meinem Besitz bis heute
sinnlosen Gegenstand. Aber ich könnte hier zu viel verraten, zu viel
Aufforderung liegt in der Marke open office, unter der mein Text
verarbeitet wird. Ich erinnere mich besser daran, was ich phantasiert
habe, als mir das winzige und recht eigentlich überflüssige Türschild
eines Psychoanalytikers zu wenig wurde: man könnte doch der Sache einen
zugkräftigen Namen geben, der company eine markige Identität. Am
ehesten, soweit war ich schon in meiner grandiosen Phantasie, könnte die
psychoanalytische Kleinfabrik „Verluste en gros und en detail" genannt
werden. Inzwischen weiß ich, es ist keine Fabrik, auch wenn die Idee
einer Fabrik, die Verluste fabriziert, ein Stück weit trägt. Und André
Heller, der Poet des reflektierten Narzißmus, einmal schrieb „der Mensch
ist das, was er verliert, und was ihn deshalb schert". Das Album heißt
„Basta", und gewisse Lokale nennen sich „Zur letzten Instanz" oder,
schon besser, „Zum zerbrochenen Schwan". Durch die Türen dieser Läden
wollen hier aber nicht gehen, bevor wir nicht dem, was wir gerade
verloren haben – was war es nur, dieses euromünzengroße metallische
Objekt, das in die Finsternis der Bordstein-Fensternische gefallen sein
dürfte?
Das Introjekt, der Narzißmus, die Übertragung
Die Artikel sind schon mal richtig, und die Reihenfolge hat auch etwas
zu bedeuten. Ins Unreine: das Web, der Autor, die m/other. Haben Sie
etwas anderes erwartet?
Etwas systematischer möchte ich die Sache von zwei Seiten angehen,
einmal hat die Psychoanalyse Begriffe geprägt, die mir etwas
aufgeschlossen haben, was ohne sie nicht zu gewinnen schien, eine
Markierung von etwas anwesend Abwesendem. Und das scheint mir ein
wichtiges Projekt, das ich am Laufen halten möchte. Das Introjekt
scheint etwas zu sein, was in unserer affektiven Erinnerungsspuren
deutlich anders repräsentiert ist, als in unserem sprachlichen
Erinnerungsvermögen. Sie erinnern sich an meinen heutigen vagen Verlust:
etwas ist mir wohl aus der Tasche gefallen, was sich nicht genau
bestimmen läßt, denn nun ist es verschwunden. Ich kann mich nicht
erinnern, was es war, aber ungefähr, wie es war, ein eurostückgroßer
metallischer Gegenstand. Wäre es ein Euro gewesen, hätte ich es längst
vergessen, abgeschrieben. Die Nähe meines Schlüssels zu dem Mißgeschick
läßt mich Vermutungen anstellen, ob eine andere Verlusterfahrung dafür
sorgt, daß das unbestimmte Verlustgefühl nicht ganz vergeht, sondern
mich weiter beunruhigt. Daß, was am Introjekt keine rationale Erklärung
findet, sucht sich mit anderen unbestimmten – vorsprachlichen –
Erinnerungsspuren zu verbinden, die mit Verlust assoziiert sind. Sie
merken vielleicht hier, daß ich etwas ungelenk formuliere, ich schreibe
in meinem Wohnzimmer, einige Meter entfernt von dem Arbeitszimmer mit
der Bibliothek. Und ich werde mich bemühen, eine Weile nicht bei den
Autoren der Psychoanalyse definitorische Unterstützung zu suchen, weil
ich gern sehen will, ob ich die Begriffe freihändig zum Arbeiten bringen
kann. Und weil ich davon ausgehe, daß die Begriffe ebenfalls zweizeitig
arbeiten, in definitions und in the cloud, um einmal die Sprache der
Hypertextgeneration zu bemühen. Und überhaupt, wie ist es mit dieser
Generation bestellt: sprechen wir eine Sprache? Der Laden, an dem ich
vorhin vorbeiging, offerierte sicherheitshalber in zwei Diskursen seine
Getränke: „Alles auch zum Mitnehmen"// „Alles To Go". Ist es ein Zufall,
daß die zusätzliche Botschaft, die in dem „auch" enthalten ist, in der
Version für die Jüngeren verloren geht? Verlangt das „auch" gar zuviel –
für diese Generation?
Und gerade jetzt fällt mir ein, daß mein Abend ganz anders geplant war,
und ich diesen Spaziergang nur machte, um äußerlich etwas in Bewegung zu
kommen, ich hatte mich am Schreibtisch verspannt. Eigentlich hatte ich
auf meine Freundin gehofft, die sich aber spät mit eigener workload
entschuldigte, aber auch unentschieden und verzagt dabei klang, so daß
ich sie nicht auch noch mit meiner Enttäuschung beladen wollte. Bin ich
eigentlich schon genug analysiert? Sie werden es wissen, ich kenne
solche Räume mit dem Standardequipment plus x, in denen man die gleiche
Person über hunderte Stunden sieht, auch als Analysant, das ist ein
wesentlicher Teil meiner Ausbildungspflichten gewesen, und inzwischen
auch regelmäßig eine pure Lust geworden. Aber wie fühlen Sie sich gerade
– fangen sie an zu gähnen, wo ich die vage Verlusterfahrung bis zu
meiner Freundin und meiner Analytikerin getrieben habe? Also doch eine
simple ödipale Kiste, würden wir in unserem Jargon sagen. Sollte ich
dann Ver/lust schreiben, analog zu dem genialischen und oft genialen
Lacan, der m/other schrieb, weil es sich bei der Mutter um die erste
Andere – und den ersten Verlust im Außen - handelt? Sie müssen zu
Kenntnis nehmen (mich zieht es in die Bibliothek, bevor meine Freundin
anruft, um mir mitzuteilen, daß sie doch noch kommen wird, eine schöne
Phantasie), daß in der Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse in jedem
vierten Artikel seit Jahren davon die Rede ist, daß wir uns mit dem
Ödipalen überfordern, und unsere Patienten dazu, denn oft ist es ein
vorschnelles Begreifen im Dreieck Papa/Mama/gespaltenes Ich, das uns und
die Patienten überfordere und damit eine Überforderung, auf die die
Analysanten als Kinder mit voreiliger „erwachsener" Sexualisierung
reagiert haben, einfach wiederholen. Sie wissen, wovon hier die Rede
ist, das Schlagwort im Jargon heißt „pseudoödipale Strategien". Die
Hysterika leidet größtenteils an Reminiszenzen, so ungefähr Freud, und
versucht, die damit verbundene Erregung in ihrer Not, keine klare
Abgrenzung ich/anderer, die nicht gleichzeitig bedrohlich wäre,
hinzubekommen, zu sexualisieren, und überfordert sich haltlos dabei. Der
Andere (Geliebte) der Hysterika hat seinen Weg zu finden als Adressat
sexueller Signale, aber einer präödipalen Übertragung kindlicher
Erregung. Oft hilft er ihr (Mann/Frau-Schema hier nur zur Vereinfachung)
durch seine Rage immerhin bei dem originären Ziel: der Abgrenzung. So
läuft es, und ich will hier einstweilen nur von dem Mut eines
Frankfurter Kollegen (Name gern auf Anfrage), auf einem
psychoanalytischem Frauenkongreß vor einigen Wochen als einziger
männlicher Referent das Podium zu betreten, und … zu Charlotte Roches
Feuchtgebieten zu referieren. Wenn ich ihn richtig verstanden habe,
wartet das Buch zumindest für die durch PR und Rezensionen sexualisiert
Interessierten mit einer Enttäuschung auf: worum es der Heldin – Helen,
glaube ich, geht, ist nicht die freizügige Exploration ihrer
weiblich-genitalen Innenwelt durch physisch akzeptable Männer, im
Gegenteil wird sie krank dabei, und ihr originärer Wunsch erscheint am
Ende des Buches erfüllt, „endlich mal einem Typen zu sagen, daß sie
eigentlich erst mal nicht mit ihm schlafen will". Muß ich das Buch
einmal selbst lesen, oder hat der Kollege wesentlich referiert?
Was zeigt das Bild, über das was es an Außenwelt repräsentiert, hinaus?
Damit spiele ich darauf an, daß ich das Blockintro nicht schließen mag,
ohne etwas zu dem Bild zu sagen, daß ich vorangestellt habe. Sie dürfen
mir gern schreiben, wo Sie denken, daß es aufgenommen wurde, und wer bis
zum Ende des Dezeniums am dichtesten dran ist, bekommt eine Ausgabe von
Freuds „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten". Aber das berührt
die Außenwelt. Und bei dem Bild geht es mir auch darum, daß es den
Beginn eines psychoanalytischen Prozesses repräsentieren könnte. Und
damit will ich mich jetzt beschäftigen, wo in diesem Jahr so viele
analytische Beziehungen zu Ende gehen. Die Kargheit der Landschaft steht
für die Kargheit der gegenseitigen libidinösen Besetzung zwischen
Analytiker und Analysant. Und wenn Sie jetzt sagen, das verkennt doch,
was da von Anfang an in Gange ist an Idealisierungen, positiv wie
negativ (ein kluger, ein gutaussehender Therapeut, einer, der versteht,
ein ignoranter unsensibler, alter Sack// eine interessante, aufblühende,
sensible Patientin), will ich erwidern,
daß das alles noch zu sehr die Spuren der Verluste der beiden trägt, und
allzu sehr Züge von Eltern und Elternfiguren von Analysant und
Analytiker, um für den allmählich beginnenden Prozeß für bare Münze
gelten zu können. Die Analyse beginnt in der Regel im Herbst, und wir
Mitteleuropäer sind weit entfernt, in dieser Photographie eine
Todeslandschaft zu sehen, wissend, die folgenden Jahreszeiten bedecken
und beleben die Kargheit, die das Bild zeigt. Wir sind in unserem
bewußten Leben fern der Angst, vor der ewigen Nacht, „daß die Sonne
nich' mehr wiederkommt" (Udo Lindenberg) wie vor dem ewigen Spätherbst.
Und doch bleibt da die Frage, was wir da verloren haben, da, vorhin vor
der Tür, oder im letzten, nun wirklich vergangenen, Frühling. Beginnen
wir die Psychoanalyse, ehe die Verluste, ehe die Introjekte, uns allzu
bedrohlich zu puzzlen beginnen, ehe Fragmentierung droht.
diesem Blog nun beginne, beinahe schon zurückgekehrt war, zog ich meine
Schlüssel aus der Hosentasche und riß einen kleinen metallischen
Gegenstand mit heraus, der in einem Fußbodengitter im Dunkel verschwand.
Ich werde mir nicht recht einig, was das gewesen ist, was ich da
verloren habe. Es könnte eine Euromünze gewesen sein, die sich aber
eigentlich nicht in der rechten, sondern in der linken Hosentasche hätte
befinden müssen, wie einige andere noch, während ich dies schreibe. Aber
was anderes könnte es gewesen sein? Sollte ich zurückgehen und mit einer
Lampe versuchen, das Objekt des Verlustes in der Tiefe der Fensternische
zu identifizieren suchen? Kann ich damit rechnen, etwas zu sehen, oder
muß ich mit Bewuchs und früheren Fallstücken rechnen, die das aktuelle
Objekt des Verlustes unkenntlich verschwinden lassen? Und für den Fall,
das ich es nicht sehe, was ich verloren habe, müßte ich mich mit der
Hypothese beschäftigen, ich hätte mir das taktile und akustische
Phänomen eines fallenden, etwa münzgroßen metallischen Gegenstandes nur
eingebildet, möglicherweise, weil mit dem Schlüssel eine bereits bei mir
bestehende Verlustphantasie aktiviert wurde? Ich lief erst vor zwei
Wochen eine Stunde ratlos in der Annahme durch einen Teil dieser Stadt, ich hätte meinen Schlüssel verloren, den ich lediglich in der Arbeitstasche vergessen hatte (Tatsächlich hatte ich an diesem Tag die Unterstützung einer Kollegin verloren). Sollte ich daher besser auf weitere Nachforschung verzichten?
Oder kann es einen tröstenden Ersatz für dieses unklare Verlustgefühl
geben? Könnte es helfen, etwas auch noch Unbestimmtes zu schaffen, und
so das unbekannte Objekt des Verlustes zu ersetzen? Könnte es helfen,
mit diesem Blog zu beginnen? Wir werden sehen.
Ich habe als Ausbildungskandidat in den letzten sieben Jahren die
Psychoanalyse trainiert, analyst-in-training heißt es im Englischen, und
sehe meinem Abschluß entgegen. Danach werde ich mich entscheiden und
bemühen, als Analytiker zu arbeiten, das heißt, in eigener Praxis so
weiterzuarbeiten, wie ich es bislang in der Praxis meines
Ausbildungsinstitutes trainiert habe. Für die Analysanten (oder
Patienten) sieht es zunächst wohl so aus, als bestünde da kaum ein
Unterschied, setting und equipment sind das Übliche: zwei Stühle, eine
Couch, plus X, Pflanzen, Bücher, Bilder. Man sieht sich immer zu zweit.
Ein Türschild erscheint beinahe überflüssig, denn die Arbeit dauert über
Jahre, bald wird der Weg sekundär automatisiert, kaum noch wahrgenommen.
Manche Analysanten gehen dennoch, oft nach Monaten, einmal fehl oder
verirren sich auf dem Weg zur Stunde. Das Unbewußte wird agiert, innere
Widerstände versperren den direkten Weg. Und der analytische Kandidat
selbst? Von ihm wird erwartet, den Weg zu finden, den Raum pünktlich dem
Analysanten zu öffnen, beinahe noch wichtiger, wie man sehen wird,
pünktlich zu schließen. Geht er, der Garant des setting, der äußeren
Stabilität, auch einmal fehl? Beinahe schon notorisch der Versuch, die
Tür der Praxisgemeinschaft mit meinem privaten Wohnungsschlüssel
aufzuschließen, wieder der Schlüssel. Schon weniger eine harmlose
Anekdote, eine gewisse Neigung, die Vorfahrt zu erzwingen auf der Fahrt
zur Arbeit, wie, um sich der Fähigkeit, einen Widerstand zu überwinden,
auch unter Risiken zu versichern. Oder die zweite Hälfte der Stunde
einer Analysantin, in der meine Gedanken einzig einer gewissen Tasche
gelten, die ich auf dem Weg zur Stunde in einem Schaufenster gesehen
habe, und die ich nach dem ersehnten Ende zwei Minuten vor Ladenschluß
tatsächlich kaufe, als einen äußerlich in meinem Besitz bis heute
sinnlosen Gegenstand. Aber ich könnte hier zu viel verraten, zu viel
Aufforderung liegt in der Marke open office, unter der mein Text
verarbeitet wird. Ich erinnere mich besser daran, was ich phantasiert
habe, als mir das winzige und recht eigentlich überflüssige Türschild
eines Psychoanalytikers zu wenig wurde: man könnte doch der Sache einen
zugkräftigen Namen geben, der company eine markige Identität. Am
ehesten, soweit war ich schon in meiner grandiosen Phantasie, könnte die
psychoanalytische Kleinfabrik „Verluste en gros und en detail" genannt
werden. Inzwischen weiß ich, es ist keine Fabrik, auch wenn die Idee
einer Fabrik, die Verluste fabriziert, ein Stück weit trägt. Und André
Heller, der Poet des reflektierten Narzißmus, einmal schrieb „der Mensch
ist das, was er verliert, und was ihn deshalb schert". Das Album heißt
„Basta", und gewisse Lokale nennen sich „Zur letzten Instanz" oder,
schon besser, „Zum zerbrochenen Schwan". Durch die Türen dieser Läden
wollen hier aber nicht gehen, bevor wir nicht dem, was wir gerade
verloren haben – was war es nur, dieses euromünzengroße metallische
Objekt, das in die Finsternis der Bordstein-Fensternische gefallen sein
dürfte?
Das Introjekt, der Narzißmus, die Übertragung
Die Artikel sind schon mal richtig, und die Reihenfolge hat auch etwas
zu bedeuten. Ins Unreine: das Web, der Autor, die m/other. Haben Sie
etwas anderes erwartet?
Etwas systematischer möchte ich die Sache von zwei Seiten angehen,
einmal hat die Psychoanalyse Begriffe geprägt, die mir etwas
aufgeschlossen haben, was ohne sie nicht zu gewinnen schien, eine
Markierung von etwas anwesend Abwesendem. Und das scheint mir ein
wichtiges Projekt, das ich am Laufen halten möchte. Das Introjekt
scheint etwas zu sein, was in unserer affektiven Erinnerungsspuren
deutlich anders repräsentiert ist, als in unserem sprachlichen
Erinnerungsvermögen. Sie erinnern sich an meinen heutigen vagen Verlust:
etwas ist mir wohl aus der Tasche gefallen, was sich nicht genau
bestimmen läßt, denn nun ist es verschwunden. Ich kann mich nicht
erinnern, was es war, aber ungefähr, wie es war, ein eurostückgroßer
metallischer Gegenstand. Wäre es ein Euro gewesen, hätte ich es längst
vergessen, abgeschrieben. Die Nähe meines Schlüssels zu dem Mißgeschick
läßt mich Vermutungen anstellen, ob eine andere Verlusterfahrung dafür
sorgt, daß das unbestimmte Verlustgefühl nicht ganz vergeht, sondern
mich weiter beunruhigt. Daß, was am Introjekt keine rationale Erklärung
findet, sucht sich mit anderen unbestimmten – vorsprachlichen –
Erinnerungsspuren zu verbinden, die mit Verlust assoziiert sind. Sie
merken vielleicht hier, daß ich etwas ungelenk formuliere, ich schreibe
in meinem Wohnzimmer, einige Meter entfernt von dem Arbeitszimmer mit
der Bibliothek. Und ich werde mich bemühen, eine Weile nicht bei den
Autoren der Psychoanalyse definitorische Unterstützung zu suchen, weil
ich gern sehen will, ob ich die Begriffe freihändig zum Arbeiten bringen
kann. Und weil ich davon ausgehe, daß die Begriffe ebenfalls zweizeitig
arbeiten, in definitions und in the cloud, um einmal die Sprache der
Hypertextgeneration zu bemühen. Und überhaupt, wie ist es mit dieser
Generation bestellt: sprechen wir eine Sprache? Der Laden, an dem ich
vorhin vorbeiging, offerierte sicherheitshalber in zwei Diskursen seine
Getränke: „Alles auch zum Mitnehmen"// „Alles To Go". Ist es ein Zufall,
daß die zusätzliche Botschaft, die in dem „auch" enthalten ist, in der
Version für die Jüngeren verloren geht? Verlangt das „auch" gar zuviel –
für diese Generation?
Und gerade jetzt fällt mir ein, daß mein Abend ganz anders geplant war,
und ich diesen Spaziergang nur machte, um äußerlich etwas in Bewegung zu
kommen, ich hatte mich am Schreibtisch verspannt. Eigentlich hatte ich
auf meine Freundin gehofft, die sich aber spät mit eigener workload
entschuldigte, aber auch unentschieden und verzagt dabei klang, so daß
ich sie nicht auch noch mit meiner Enttäuschung beladen wollte. Bin ich
eigentlich schon genug analysiert? Sie werden es wissen, ich kenne
solche Räume mit dem Standardequipment plus x, in denen man die gleiche
Person über hunderte Stunden sieht, auch als Analysant, das ist ein
wesentlicher Teil meiner Ausbildungspflichten gewesen, und inzwischen
auch regelmäßig eine pure Lust geworden. Aber wie fühlen Sie sich gerade
– fangen sie an zu gähnen, wo ich die vage Verlusterfahrung bis zu
meiner Freundin und meiner Analytikerin getrieben habe? Also doch eine
simple ödipale Kiste, würden wir in unserem Jargon sagen. Sollte ich
dann Ver/lust schreiben, analog zu dem genialischen und oft genialen
Lacan, der m/other schrieb, weil es sich bei der Mutter um die erste
Andere – und den ersten Verlust im Außen - handelt? Sie müssen zu
Kenntnis nehmen (mich zieht es in die Bibliothek, bevor meine Freundin
anruft, um mir mitzuteilen, daß sie doch noch kommen wird, eine schöne
Phantasie), daß in der Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse in jedem
vierten Artikel seit Jahren davon die Rede ist, daß wir uns mit dem
Ödipalen überfordern, und unsere Patienten dazu, denn oft ist es ein
vorschnelles Begreifen im Dreieck Papa/Mama/gespaltenes Ich, das uns und
die Patienten überfordere und damit eine Überforderung, auf die die
Analysanten als Kinder mit voreiliger „erwachsener" Sexualisierung
reagiert haben, einfach wiederholen. Sie wissen, wovon hier die Rede
ist, das Schlagwort im Jargon heißt „pseudoödipale Strategien". Die
Hysterika leidet größtenteils an Reminiszenzen, so ungefähr Freud, und
versucht, die damit verbundene Erregung in ihrer Not, keine klare
Abgrenzung ich/anderer, die nicht gleichzeitig bedrohlich wäre,
hinzubekommen, zu sexualisieren, und überfordert sich haltlos dabei. Der
Andere (Geliebte) der Hysterika hat seinen Weg zu finden als Adressat
sexueller Signale, aber einer präödipalen Übertragung kindlicher
Erregung. Oft hilft er ihr (Mann/Frau-Schema hier nur zur Vereinfachung)
durch seine Rage immerhin bei dem originären Ziel: der Abgrenzung. So
läuft es, und ich will hier einstweilen nur von dem Mut eines
Frankfurter Kollegen (Name gern auf Anfrage), auf einem
psychoanalytischem Frauenkongreß vor einigen Wochen als einziger
männlicher Referent das Podium zu betreten, und … zu Charlotte Roches
Feuchtgebieten zu referieren. Wenn ich ihn richtig verstanden habe,
wartet das Buch zumindest für die durch PR und Rezensionen sexualisiert
Interessierten mit einer Enttäuschung auf: worum es der Heldin – Helen,
glaube ich, geht, ist nicht die freizügige Exploration ihrer
weiblich-genitalen Innenwelt durch physisch akzeptable Männer, im
Gegenteil wird sie krank dabei, und ihr originärer Wunsch erscheint am
Ende des Buches erfüllt, „endlich mal einem Typen zu sagen, daß sie
eigentlich erst mal nicht mit ihm schlafen will". Muß ich das Buch
einmal selbst lesen, oder hat der Kollege wesentlich referiert?
Was zeigt das Bild, über das was es an Außenwelt repräsentiert, hinaus?
Damit spiele ich darauf an, daß ich das Blockintro nicht schließen mag,
ohne etwas zu dem Bild zu sagen, daß ich vorangestellt habe. Sie dürfen
mir gern schreiben, wo Sie denken, daß es aufgenommen wurde, und wer bis
zum Ende des Dezeniums am dichtesten dran ist, bekommt eine Ausgabe von
Freuds „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten". Aber das berührt
die Außenwelt. Und bei dem Bild geht es mir auch darum, daß es den
Beginn eines psychoanalytischen Prozesses repräsentieren könnte. Und
damit will ich mich jetzt beschäftigen, wo in diesem Jahr so viele
analytische Beziehungen zu Ende gehen. Die Kargheit der Landschaft steht
für die Kargheit der gegenseitigen libidinösen Besetzung zwischen
Analytiker und Analysant. Und wenn Sie jetzt sagen, das verkennt doch,
was da von Anfang an in Gange ist an Idealisierungen, positiv wie
negativ (ein kluger, ein gutaussehender Therapeut, einer, der versteht,
ein ignoranter unsensibler, alter Sack// eine interessante, aufblühende,
sensible Patientin), will ich erwidern,
daß das alles noch zu sehr die Spuren der Verluste der beiden trägt, und
allzu sehr Züge von Eltern und Elternfiguren von Analysant und
Analytiker, um für den allmählich beginnenden Prozeß für bare Münze
gelten zu können. Die Analyse beginnt in der Regel im Herbst, und wir
Mitteleuropäer sind weit entfernt, in dieser Photographie eine
Todeslandschaft zu sehen, wissend, die folgenden Jahreszeiten bedecken
und beleben die Kargheit, die das Bild zeigt. Wir sind in unserem
bewußten Leben fern der Angst, vor der ewigen Nacht, „daß die Sonne
nich' mehr wiederkommt" (Udo Lindenberg) wie vor dem ewigen Spätherbst.
Und doch bleibt da die Frage, was wir da verloren haben, da, vorhin vor
der Tür, oder im letzten, nun wirklich vergangenen, Frühling. Beginnen
wir die Psychoanalyse, ehe die Verluste, ehe die Introjekte, uns allzu
bedrohlich zu puzzlen beginnen, ehe Fragmentierung droht.
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